Der unendliche Roman

24. Oktober 2007.
Keine Bewohnerin Malibus hätte es besser sagen können als Lilly Lawrence, deren 17 Millionen Dollar teures Anwesen das erste war, das Sonntagmorgen in Rauch aufging: "Ich lasse nicht zu, dass meine Besitztümer mich belasten. Vielleicht baue ich einfach wieder auf." In Bademantel, Hausschuhen und mit der in diesen Breiten obligatorischen riesigen Sonnenbrille stand die 67 Jahre alte Society Lady ein paar Stunden nach ihrer Rettung vor den qualmenden Resten ihres Heims, dem Schloss Kashan, und freute sich des Lebens. Keine Träne über die verbrannten Erinnerungen an ihren verstorbenen Vater, der unter dem Schah von Persien als Ölminister gedient hatte. Keine verzweifelte Suche nach Resten der Elvis-Memorabilia, die sie jahrzehntelang gesammelt hatte: "Ich nehme es, wie es kommt."                                                                                                                Quelle: FAZ.net

Wie Lilly Lawrence konnte er es bei Gott (wenn´s denn einen gibt!) nicht nehmen – er war jenseits von Verzweiflung, Ärger, Wut und Mutlosigkeit: er war dem tatsächlichen Akt der Selbsttötung angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser Brände weitaus näher, als dem vielgerühmten „american way of life“, der alles, aber auch wirklich alles, immer wieder zum Positiven wenden kann! Die heißen Santa Anna Winde konnte er nie leiden, sie überlasteten die Klimaanlage seines Wagens, nervten zuhause in seinem (ehemaligen!) Appartment und verursachten Reizhusten – normalerweise jedenfalls. Jetzt war die Mischung aus Rauchschwaden, Dämpfen verschmorter Chemikalien aus den verbrannten Villen und dem unkultivierten Unterholz der umliegenden Waldgebiete eine geradezu bronchialzerfetzende Komposition des Teufels!
Er hasste die Hitze ohnehin! Nein, nein, nein, dieses Scheiß-Californien mit dem ewigen sunny-side-up-Getue! Die proletigen Stars, Sternchen und Pornoflittchen! Scheiße, Scheiße, Scheiße! Und ganz oben trohnt der Super-Arnold! Fuck! Er drosch noch ein paar Mal auf sein Armaturenbrett ein und wiederholte das verpöhnte Schimpfwort immer wieder. Irgendwann beruhigte auch er sich wieder und verkroch sich noch etwas tiefer hinter seinem Lenkrad, weiterhin auf der Pacific Coast Highway 101 nach Norden unterwegs.
Er hatte alles verloren: ausser ein paar Habseligkeiten und seinem Wagen - ein Neuanfang stand also an. Dem Tankwart in der Höhe von Big Sur hatte er ein „Fang´ bloß nicht mit DEM Scheiß an!“ zugeranzt, als er beim Bezahlen mit smalltalk á la „Haben Sie von den Bränden im Süden gehört?“-Scheiß anfangen wollte. Was sollte der schon wissen, von Freischaffenheit, von Selbstbestimmtheit und überhaupt? DER? Hatte nun wirklich keine Ahnung!

„My fellow citizens...“ dröhnte es blechern aus seinem antiken Clarion in bestem Wiener Amerikanisch, als er auf der gewundenen Küstenstraße im abendlichen Zwielicht ein paar schlanken gestiefelten Beinen, die sich in einem ferrarirotem Mantel verloren und mitten auf der Straße standen, entgegen blinzelte. „…We have to stand together as one and we’ll all be back!“ Tosender Applaus. Vollbremsung. Den alten Ford Mustang hatte Jordan letztes Jahr von seinem Bruder Amos auf innenbelüftete Scheibenbremsen aufrüsten lassen. Gut für das nun erkennbare verstörte Gesicht, das sich in Armeslänge vor seinem Ponykühler nebst dem unversehrten Mantel hochrappelte, nachdem sich der Rauch schmorenden Gummis lichtete. „Jesus Christ!“  brüllte Jordan durch das ohnehin offene Fenster: „sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Meinen Sie, Sie gewinnen gegen fast 2 Tonnen Stahl?“ Doch bevor er zum nächsten Fluch ansetzen konnte, taumelte die Auferstandene einmal um die eigene Achse und sackte der Nase nach mit einem leisen Bump-a auf der langen schmutzigroten Motorhaube zusammen.
Jordan konnte kaum einen weiteren Gedanken fassen, geschweige denn die Tür öffnen, um sich nach dem Wohlergehen der geheimnisvollen Anhalterin zu erkundigen,  als er in einiger Entfernung eine Highway Patrol auf der Hügelkuppe auftauchen sah. Das Radio dröhnte einen Hit der Eagles, in seinem Kopf rasten plötzlich Gedanken an den Steve McQueen Streifen „The Getaway“.  Die Geschichte des Outlaws, der zur Freude der Hippiegeneration mit seinem Mustang Fastback und einer abgesägten Schrotflinte ziemlich viel Schaden bei diversen behördlichen Einrichtungen angerichtet hat.

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Er hatte momentan überhaupt keine Lust sich mit dem Gesetz auseinandersetzten zu müssen, er brauchte jetzt verdammt noch mal sein Ruhe um mit der Situation fertig werden zu können.
Nachdem sich der aufgewirbelte Staub etwas gelegt hat, sprang er aus dem Wagen und zerrte den noch halb ohne Bewusstsein jammernden ferrariroten Mantel inklusive Inhalt von der Motorhaube auf seinen Beifahrersitz und schlug die Tür zu. Zurück im Cockpit fühlte er sich schon etwas wohler. Nachdem er den Gang eingelegt und mit durchdrehenden Reifen die nächste Möglichkeit von der Straße in die Pampas einbog, fühlte er sich noch wohler. Leider wieder so wohl, daß er wieder an den ganzen andern Scheiß denken musste der ihm vor der Begnung mit dem Mantel passieren musste. Als er so durch Niemandsland fuhr, eine Staubwolke hinter sich her ziehend und der Eagles Song der sich mit dem gleichmässigen Blubbern des V8 vermischte, kam er sich vor wie in einem Film von Quentin Tarantino. Jetzt hätte er fast laut losgelacht als er sich vorstellte das er mit seiner Begleitung gleich eine Vollbremsung vor dem legendären "Titty Twister" machte und sich da drin volllaufen lässt.

Leider konnte dann doch nicht mehr lachen, als er schwach durch den aufwirbelnden Staub das Blaulicht der Highway Patrol erkannte. Er umfasste das Lenkrad etwas fester und drückte das Gaspedal durch. Der Motor übertönte die Musik und ab und zu fand er Bruchteile von Sekunden Zeit einen Seitenblick auf die immer noch jammerde Gestalt direkt neben ihm zu richten die langsam aufzuwachen schien. Egal! Das Problem wird er später lösen. Jetzt erst mal die Scheiß Bullen abschütteln. Er kannte den Weg.
... 

Doch entgegen seiner sonstigen Fluchtgedanken, entschied er sich diesmal für eine ganz neue Strategie: ja, er kannte die Gegend und auch die Feinheiten! Eine davon war die Parkbucht, die er nach einigen Serpentinen erklommen haben mußte – die Kegel seiner Highbeams leuchteten bereits die ersten Ausbuchtungen aus! Er ließ seinen Mustang langsamer werden und glitt auf den Parkplatz der Aussichtsplattform, die untertags einen beeindruckenden Blick über die Küste von Big Sur bot. Jetzt hörte man bei geöffnetem Fenster lediglich die pazifischen Brecher an den Felsen zerschellen, ein wildromantischer Klang in den Ohren eines jeden, frisch verliebten Paares.

Jordan atmete aus, drehte den Schlüssel um und suchte im Radio nach einen anderen Sender. Es mußte etwas Romatisches her, ja, OK, Jonathan Livingston Seagul tat es für den Zweck! Pünklich begann das ferrarirote Paket auf seinem Beifahrersitz aufzuwachen und Grunzlaute von sich zu geben. Jordan bog sich liebevoll über sie, als ihn der Lichtkegel einer Maglight traf: er blinzelte angewidert in die Richtung und sah die Uniform eines Sheriffs auf seinen Wagen zukommen.

Das offene Fenster machte Kommunikation sofort möglich und so mußte sich Jordan die Frage gefallen lassen, was er denn hier.... Nach ein, zwei Schritten, die der Sheriff noch brauchte, um zu erkennen, daß es sich hier ganz offensichtlich um ein Pärchen handelte, brach er seine Inqusition aber fast schon wieder ab. Nur der Ordnung halber lehnte er sich kurz ans Fenster und fragte „Sir, alles OK bei Ihnen?“

Jordan ließ kurz ab von seinem Beifahrersitz und sah den Amtmann eine Sekunde lang nur fragend an, um dann los zu poltern „Hey! Ihr Jungs von der Highway Patrol könnt´ einem aber jeden Spaß versauen! Wo ist das Problem....“ und Jordan nestelte am Handschuhfach herum, was den Sheriff nach seinem Halfter greifen ließ. Das wiederum ließ Jordan grinsen und er nickte kurz. „OK, versteh´ schon! Hier sind nur die Papiere drin, wenn Sie selber suchen wollen?!“

Darauf trat der Sheriff einen Schritt zurück und klopfte drei Mal auf das Wagendach. „Nein, nein, schon OK, wir haben das ja öfter hier! Es ist nur wegen des Brandstifters, den wir suchen...“ Und schon drehte sich der Offizer zum Gehen in Richtung seines Dienstfahrzeuges, als das ferrarrirote Paket Anstalten machte, zu rebellieren: „Du verdammtes Arschloch! Was zur Hölle....“

Jordan war zerrissen, denn er mußte nun einerseits sein Paket im Griff behalten und andererseits die Ordnungshüter. Doch der Sheriff, der den Anfall der Beifahrerin noch entfernt mitbekommen haben mußte, schritt laut lachend auf seinen Dienstwagen zu, faselte etwas zu seinem Kollegen, der die ganze Zeit gewartet hatte und stieg ein. Dann spritzten Kieselsteine und die Highway Patrol war keine Gefahr mehr für die Beiden.

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„Ich glaub’ es nicht! Da werde ich von Dir fast über den Haufen gefahren und dann werden wir auch noch für Romeo und Julia gehalten“ stöhnte die Unbekannte neben ihm und versetzte Jordan mit ihrer Rechten einen ordentlichen Hieb in die Rippen, so dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb. „O.K- vergiss es, Du kannst jederzeit aussteigen. Ich hätte Dich wahrscheinlich auch noch ein Stückchen weiter auf meiner Motorhaube weiterkutschiert, aber ich dachte, hier drinnen ist es für Dich bequemer“ blaffte Jordan zurück- nicht ohne einen genaueren Blick auf seine Gefährtin wider Willen zu werfen. Abgesehen von dem, was er in der ersten Schrecksekunde in Form von Mantel und Schuhen auf der Mittellinie gesehen hatte, entdeckte er noch eine weitere seltsame Eigenheit an ihr. Als sie seinen Blick erwiderte, tat sie das nur mit einem der beiden türkisgrünen Augen, das andere erschien ihm wie in der Augenhöhle festgetackert und schaute etwa einen halben Meter rechts an ihm vorbei. Der Rest des Gesichtes war genauso ebenmäßig wie blass, aber er dachte sich, dies passe ideal zur Farbe des Mantels, der den ganzen Innenraum seines Mustangs rot erschimmern ließ. Captain Ahab in weiblich? Degenfechterin? ging ihm durch den Kopf. Aber statt ihr die Fragen zu stellen, die sie bestimmt schon tausendfach in ihrem Leben gehört hatte, sagte er: „Nicht der Moment, um mit dem Rauchen aufzuhören“ und fischte sich eine verbogene Lucky Strike aus der Hemdtasche. Eine Zeit lang saßen die beiden schweigend da und beobachteten die Touristen, die sich den Weg zur Aussichtsplattform hinauf- und hinuntermühten. Sogar ein Eiswagen hatte sich auf den Parkplatz verirrt, die Geschäfte liefen offensichtlich nicht gut, denn der Oktober hatte sich bisher ungewöhnlich kalt für Kalifornien gegeben. "O.k. Was hattest Du mitten auf der Straße zu suchen? Irgendwie lebensmüde oder so was?" fragte Jordan, während er hinter sich griff, um nach dem Verbleib seiner Mineralwasserflasche zu tasten.
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"Das geht Dich gar nicht´s an! Was mach ich eigentlich in Deiner Scheiß Karre?!" Jordan, der gerade an der Flasche nuggelte, setzte mit einem Ruck ab und prustete den Rest Wasser auf die Scheibe vor ihm, schlug mit der Faust auf´s Armaturenbrett und schrie mehr die Windschutzscheibe als sie an: "Verdammt nochmal, dann hau ab! Ih habe auch ohne Dich genug Scherereien. ENTSCHULDIGE das ich dich aufgelesen und NICHT überfahren habe!!!!"
Sie schien wohl einzusehen das er jetzt gerade auch nichts mit ihrer Misäre zu tun hatte und beruhigte sich. Nach einem kurzen Moment der Einsicht streckte sie ihm ihre Hand entgegen und meinte nur: "Kessy, und wem habe ich den dreckigen Mantel zu verdanken?". Auch Jordan beruhigte sich wieder, was auch an der Tatsache lag, das die Cops endlich weg waren. Nicht das er was augefressen hätte aber irgendwie ist einem immer unwohl wenn die um einen sind. Er schüttelete ihre Hand: "Jordan, und das mit der Rettung tut mir leid!" grinste er verwegen.
Sie sah durch die Windchutzscheibe in´s nirgends und meinte: "Ganz ehrlich - ich habe keine Ahnung wie ich vor Dein Auto kam! Hört sich blöd an - is aber so! Anscheinend hatte ich einen Blackout und fand mich auf Deinem Beifahrersitz wieder!"
Er zog kurz ungläubig die Augenbrauen zusammen. Dann dachte er das sie, so wie sie aussieht, keinen Grund zu lügen hatte und glaubte ihr das mal unter Vorbehalt. "Und was wäre so die letzte Aktion an die Du Dich erinnern kannst?" fragte er sie und hielt ihr dabei die Wasserflasche unter die Nase. Sie nam nicht nur die Flasche sondern auch erst mal einen großen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.
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„Hmmm die letzte Aktion....“ Sie genoß sichtlich zum einen die Menge Flüssigkeit, die ihr wieder Leben in die Glieder schickte, zum anderen aber auch das ihr entgegen gebrachte Interesse. „.... Post Ranch Inn, da hatte ich `ne Einladung, super Essen, super Aussicht, super teuer und dann super Blackout! Ehrlich, keinen Dunst, was passiert ist.... Krieg´ ich ´ne Kippe?“

Kessy sah Jordan mit einer Mischung aus Schuld und Ahnungslosigkeit an, die Jordan entwaffnet die Zigaretten zücken ließ. Während er ihr Feuer gab brummte er leicht Kopfschüttelnd mehr in sich als in ihre Richtung „Kessy-Baby, Kessy-Baby, das hört sich nicht gut an....!“ Er wandte sich dann aber doch direkt an sie „Kanntest Du den Typen, der dich da so first-class-mäßig verladen hat? Oder war das so die „Baby, ich hab´ da ´nen echt scharfen Job für Dich, wir treffen uns im Post Ranch Inn um 7, sagen wir heute Abend? Ja, war das so in der Richtung? Komm´ schon, Onkel Jordan ist keine Petze!“

Jordan zwinkerte sie verschwörerisch an und versuchte sie anzulächeln. Er wußte nur zu gut, daß es hier in der Gegend immer noch genügend Spinner gab, die auf der alten Easelen Institute Welle mitsurfen wollten und auch vor den letzten Randfiguren der Glitzerwelt nicht halt machten. Kessy mit ihrem Glasauge á la Peter Falk gehörte eindeutig zu dieser Gruppe.

Kessy sah verstohlen an sich herunter, blies den Rauch aus und schüttelte ganz langsam den Kopf. „Oh Mann, ihr Kerle denkt immer nur das Eine! Entweder wollt ihr das Eine oder ihr macht den Big Daddy und versucht einen von DEM EINEN zu bewahren, weil die Welt ja so böse-böse-böse ist! Fuck!“ Sie zog sich auf ihrem Sitz zurück und machte Anstalten zu schmollen.

„Hör´ zu Kessy-Kid!“ Jetzt schien Jordan langsam wieder etwas wach zu werden und eins und eins zusammen zu zählen: „Der Post Ranch Inn ist eine gute Strecke südlich von hier, bzw von der Stelle, an der Du mir auf die Haube gehopst bist. Die 101 liegt etwas oberhalb der Küste vom Post Ranch Inn, Du mußt also ´ne ganze Meile bergauf gestolpert sein, mehr oder weniger bei Bewußtsein, aber auf der Flucht! Sonst macht kein Mensch derartige Nachtmärsche in roten Stiefeln, also was ist passiert, Kessy?!“

Sie saß wie unbeteiligt da, quetschte nervös die Kippe in den Aschenbecher, der am überquellen war und sah nach draußen. Jordan setzte nach „OK, OK. Hör´ zu, ich habe genug Probleme mit mir, Du sitzt gerade bei mir zuhause, denn mehr habe ich nicht mehr. Ich muß mich um einiges kümmern und ich habe keinen Bock und keine Nerven, in meiner Situation noch ein störrisches, unkooperatives und sozial inkompetentes Girly in feuerrotem Outfit an der Backe zu haben - wie Du vielleicht verstehen wirst!“

„Aha, das war jetzt wohl die Predigt zur Abend-Andacht!? Alles klar Onkel Jordan, hab´ schon verstanden: erst fährst Du mich über den Haufen und dann mutiere ich zum Problem! Wir wollen doch mal re-winden, WER hier WEN beinah überfahren hat!“ sie blitzte ihn funkelnd an. Er schnaufte nur aus, griff zum Zündschlüssel und betätigte den Anlasser des Wagens.

„Na gut, wenn Du meinst!“ Er wendete den Wagen und lenkte ihn wieder auf die Seitenstraße, die sie bergauf hierher auf die Aussichtsparkbucht genommen hatten. „Also: ich fahre jetzt an die nächste Highway Patrol Station, erstatte Anzeige gegen mich selbst und das Ganze mit Dir im Schlepptau, damit Du das bezeugen kannst, um Schadensersatzansprüche gegen mich geltend machen zu können! Mehr kann ich dann nicht tun – zufrieden?!“

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Schweigend saßen eine Weile nebeneinander und man konnte Kessy ansehen, dass sie in Gedanken verloren war. Als sie zurück auf die Hauptstaße abbogen, gähnte Jordan und meinte, dass er gut und gerne auf harte Stühle in einem Polizeirevier verzichten und dringend eine Mütze Schlaf gebrauchen könne. „Das Birdie’s Inn ist nur ein paar Meilen von hier nach Norden. Wenn wir allerdings noch eine halbe Stunde weiterfahren, kommen wir nach Salinas...“ „Was heißt hier WIR? Gerade wolltest Du auf der Stelle aussteigen und jetzt auf haben wir ein gemeinsames Ziel? Extreme Situationen führen wohl zu schnellen Freundschaften?“

„...In Salinas wohnt meine Großtante Sally. Die führt so eine Art Seemannspension und ihre weichen Betten und ihr sensationeller Kaffee haben sich bis nach San Jose herumgesprochen.

Ich wollte sie sowieso die Tage besuchen kommen. Ihr Sohn Willie ist nebenbei gesagt Chef des Santa Cruz State Departement und kann mir möglicherweise bei meinem Problem helfen. Aber erst, nachdem ich auch eine Runde meine Augendeckel von innen betrachtet habe. Man wird ja schließlich nicht jeden Tag überfahren. Also wie sieht’s aus? Du bist mir was schuldig.“ Seltsam, dachte Jordan, dass sie von Ihren Augenlidern in der Mehrzahl gesprochen hatte. Aber wahrscheinlich hätte sich der Singular zu piratenhaft angehört oder sie hatte nicht weiter drüber nachgedacht.

Eine knappe Stunde später fuhr der Mustang die Auffahrt zu einem größeren, leuchtendblau gestrichenen Holzhaus im viktorianischen Stil hinauf. Vom Rasen des kleinen Parks vor dem Gebäude sah er einen riesenhaften Schiffsmast in die Nacht aufragen. Über dem Portal zwischen den angestrahlten tiefblauen Säulen brannte ein Licht, darunter stand auf einem holzgeschnitzten Schild „Home of the Seamasters“.

„Na, hier sind aber sicher keine armen Schlucker einquartiert“ flüsterte Jordan, offensichtlich beeindruckt. „Oh, nicht nur Sallys Kaffee ist berühmt. Sie hat 30 Jahre in Europa gelebt und hat in angesehenen Häusern dafür gesorgt, dass es Berühmtheiten aus allen Ländern der Welt an nichts fehlte. Jeden Cent hat sie in all den Jahren gespart und davon geträumt, hier in Salinas einen exklusiven Club mit Schlafgelegenheit für familienlose Kapitäne und Offiziere zu errichten. Sie baute den Herrschaften das Zuhause, das ihnen bisher verwehrt blieb. Jeder hat mal die Nase voll vom Leben in Hotels und warum ein eigenes Haus bauen, wenn man 11 Monate im Jahr auf See ist?“

Jordan klopfte seine Jacke instinktiv zurecht, während Kessy den Klöppel der Schiffsglocke neben der wuchtigen Eichentür in Bewegung setzte.

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Das ist ja fast so wie wenn die zukünftige Frau dich zum ersten Mal der Mutter vorstellte, dachte sich Jordan noch, als die Tür schon aufschwang und eine ältere Dame mit knapp 60 Jahren und einem überaus freundlichen Gesicht vor ihm stand. Der blasse Teint liegt wohl in der Familie und mit ihrem leicht gewellten schulterlangem Haar sah sie fast schon vornehm aus.
"Kessy! so eine nette Überraschung" schrie sie schon fast und warf sich ihr um den Hals. Als sie Kessy wieder los ließ und noch die Hände an Ihren Schultern hatte meinte sie zu ihr: "Und wen hast Du mir da mitgebracht? Einen gestrandeten Seemann?" ohne Jordan anzusehen und mit einem leichten Lächeln im Gesicht.
Jorden fühte sich immer noch wie auf der Bräutigamschau. "Du wirst es mir nicht glauben Sally, abgesehen davon ist es eine längere Geschichte."!
"Jetzt kommt erst mal rein und macht´s Euch bequem."
Jordan staunte nicht schlecht als er plötzlich das Gefühl hatte in einem riesigen alten 5-Master zu sein. Na ja, diese Semänner sind schon ein eigener Schlag.
Die Beiden machten sich es erst mal in der "Kajüte" bequem während Sally in der "Kombüse" den Tee aufsetzte. Als sie wiederkam dachte sich Jordan noch "Jetzt ein frisches Bier", verwarf aber den Gedanken fürs erste wieder und nippte an dem tee während Kessy die Geschichte schilderte wie sie hierher kamen. Dann war natürlich auch gleich Jordan mit seiner Geschichte dran warum er in der Gegend rote Mäntel auf der Motorhaube mit nahm. Als er fertig war meinte Sally nur: "Verstehe!" und schielte dabei kurz zu Kessy. "Tja junger Mann, dann denke ich, lasse ich Euch mal alleine damit Sie Kessy etwas besser kennen lernen". Jordan staunte nicht schlecht, sah fragend Kessy an und vergaß aber nicht noch schnell nach seinem kalten Bier zu fragen das er bestimmt dringend brauchen würde.
Kessy verdrehte die Augen und meinte nur "Scheiße, warum sind wir hier nur aufgetaucht!"
"Nein, nein, so nicht!" meinte Jordan "Jetzt sind wir schon mal hier , ich habe zufällig etwas Zeit mitgebracht und ein kühles Bier in der Hand, also schieß los!"
"Na gut, erst mal zum aufwärmen - Sally ist nicht meine Großtante und ich bin keine gebürtige Amerikanerin".
Jordan nahm einen kräftigen Schluck und setzte sich aufrecht hin da es jetzt interessant zu werden schien.
...

„Kessy!“ Er räusperte sich, schmunzelte sie leicht verwegen an und spürte dem Bier noch etwas nach, das seinen Magen erreicht hatte. „Bevor ich die Wahrheit über Sally und deine unamerikanische Vergangenheit erfahre – ein Frage: dürfen die heimatlosen Seebären hier eigentlich RAUCHEN?“ Sie drehte sich um, stand auf und ging an ein Buffet, das gegenüber  stand. Sie holte ein Objekt her und stellte einen ehemaligen Handhaken auf den Tisch, in dessen Hakenrundung ein Glas lose eingehängt war, das offensichtlich als Aschenbecher fungierte: Sally hatte eine eindeutige Haltung zum Thema Rauchen!

„Ganz ent-zük-kend!“ kommentierte Jordan und steckte sich eine Kippe an, nicht ohne Kessy auch eine angeboten zu haben. Er inhalierte. „OK, wo waren wir stehen geblieben? Sally ist nicht deine Tante und Du keine Amerikanerin. Na schön, und weiter? Bei genauer Betrachtung gibt es DEN Amerikaner sowieso nicht, wir sind alle mehr oder weniger gewaltätige Conquistadoren, oder? Und unser geliebter Gouverneur beweist ja, daß man hier nicht unbedingt geboren sein muß, um es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu etwas zu bringen...“

„Sally ist meine Bewährungshelferin...“ warf Kessy in den Raum und angelte sich nun doch eine Kippe aus der Packung, die Jordan auf dem Tisch liegen gelassen hatte. „Naja, eigentlich WAR sie meine Bewährungshelferin, denn rechtlich gesehen bin ich wieder unbescholten. Jetzt sind wir lose befreundet. Ich hab´ halt damals bei ihr gejobbt, Betten gemacht, Tee gekocht, so Zeug halt....“

Sie zog an der Zigarette und wartete auf eine Reaktion von Jordan. Der sah sie unverwandt an und kommentierte das bisher Gehörte mit einem trockenen „Was weiter?“

„Naja, dann bin ich in den Süden, hab da gejobbt, halt gelebt, weißt schon, nix besonderes...“
„Komm´ schon: Du willst mir jetzt erzählen, daß Du nach Deinem Ausflug in den Süden rote Stiefel und einen roten Mantel geshoppt hast und dann mal eben auf einer fremden Motorhaube gelandet bist, getreu dem Motto „Mal sehen was JETZT passiert?“ Laß´ Dir etwas Besseres einfallen!“ Er sah sie ernst an und hoffte, daß sie jetzt etwas von sich preis gab.

Kessy zog die Knie an die Brust und wurde weinerlich „Ich hab´ Dir ja gesagt, daß ich nicht weiß, wie das passiert ist!“ schmollte sie. Jordan täschelte eines ihrer Knie „Kindchen, ist ja gut! Wir hauen uns jetzt erst mal längsseits würde ich sagen und nachdem uns Sally ein schönes Frühstück gemacht hat, dürfte die Welt aller Wahrscheinlichkeit morgen etwas fröhlicher aussehen. Wie läuft das hier mit den Zimmern?“

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Der nächste Morgen zeigte sich in der Tat hell und freundlich, die weißen Vorhänge vor dem Fenster reflektierten gleißendes Licht der schon hoch stehenden Oktobersonne. Jordan streckte sich kurz, richtete sich auf und sah sich im Zimmer oder besser gesagt in seiner XXL Offizierskajüte um: „Musst du das nachts nicht rausnehmen? Ich meine: schürft das nicht oder so?“ Kessy räkelte sich wohlig unter der mächtigen Bettdecke und murmelte schäfrig: „ Ich brauche jedes Jahr ein neues. Der Glaskörper veträgt auf die Dauer die aggressive Tränenflüssigkeit nicht. Wie Gläser in der Spülmaschine. Kommt übrigens aus Deutschland und wird selbstverständlich mundgeblasen. A propos...“
Jordan glaubte, er höre nicht richtig. Diese Frau neben ihm hatte noch vor ein paar Stunden ein völlig selbstständiges Leben geführt und noch niemals etwas von Jordan Matthew Lansky gehört und hier lag sie nun und machte ihm zur späten Vormittagsstunde unanständige Angebote. „Komm, mal ernsthaft: Nimmst du’s nachts normalerweise raus?“
„Ich habe dafür so einen kleinen Gummistöpsel. Ist im Set dabei. Aus Wiesbaden, schöne Stadt. Ich war schon zehnmal da.“ Jordan besann sich darauf, jetzt nicht weiterbohren, denn wie gesagt, er kannte diese Frau kaum und er wollte ihr nicht unnötig auf den Geist gehen durch unbequeme oder intime Fragen. Ohne ihren roten Mantel sah sie übrigens viel verletzlicher aus, als er es vermutet hatte.

„Jetzt kann Sally mal zeigen, was sie mit dem Kaffee so drauf hat!“ rief Jordan munter und zerrte am fallschirmgroßen Plumeau, das Kessy überraschend reaktionsstark zu verteidigen wusste. Enttäuscht wand sich Jordan zum Fenster und riskierte einen Blick durch die Vorhänge hinaus in die Umgebung. Gewaltig erhob sich ein 25-Meter-Schiffsmast von der gewaltigen Rasenfläche auf der gegenüberliegenden Seite der Anfahrt bis in den kalifornischen Himmel. Hinter der Grundstücksgrenze konnte er das ausgedehnte Grün des Twin Creeks Golf Course ausmachen. „Von dieser Seite betrachtet ist Salinas der grünste Ort, in dem ich mich jemals morgens wiedergefunden habe. Ich muss schon sagen, Deine Großtante weiss genau, in welcher Umgebung man Seebären unterbringen muss. Urlaub vom ständigen wiederkehrenden Blau oder Grau der Weltmeere. Urlaub ist für die Jungs grün!“

„Smart thinking, Jordy! Deswegen hat meine Bewährungstante noch ein zweites Pferd im Rennen. Eine Art Versuchslabor, inwieweit sich der Service am maritimen Pensionsgast noch verbessern lässt. Erstens steht das Labor in Form einer dreistöckigen Blockhütte mitten im Wald- mehr grün ist jetzt wirklich nicht mehr drin- und zweitens wurden die wechselnden Gäste dort insgesamt drei Jahre lang rund um die Uhr befragt, nach was Ihnen im Augenblick gelüstet...“ Jordan warf ihr einen situationsbedingten Blick zu- „... und alles wanderte in eine gigantische Datenbank, aus der die Grund-Servicebedürfnisse des Lifestyle-Typen „gutsituierter, vielseitig interessierter Lebemann im zweiten Lebensdrittel“ herausgefiltert wurden. Diese Matrix wird dort seitdem durch geschultes Personal täglich am einquartierten Kunden angewendet. Ich war selbst da- es ist erschreckend. Ob Zufriedenheit auch weh tun kann? Die Gäste unterhalten sich beispielsweise ungezwungen miteinander im großen Salon. Ohne die geringste Unterbrechung des Gespräches werden die unterschiedlichsten Getränke und Speisen geordert und später serviert- das geht dort offensichtlich mit Telepathie.“ Andere Servicecrew- Mitglieder setzen sich standesgemäß bekleidet zu den Neuankömmlingen an den Tisch und betreiben unverfängliche Konversation und führen die Newbies in die Gesellschaft ein...“ In diesem Moment ertönte die Miniaturversion eines Nebelhorns von der Zimmertür und Sally kam strahlend herein. Im Bugwasser ein Tablett, auf dem den beiden Reisegefährten drei Tassen dampfenden Kaffees und 15.000 französische Croissants ebenfalls entgegenlächelten.
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„OK, ich glaube wir haben genug gehört, denn bei 15 Tausend Croissants steigt uns jeder Leser hier aus! Wir sollten...“ an dieser Stelle registrierten die achtzehn Teilnehmer der Klasse „Romane von Morgen!“ ein leichtes Raunen im Raum. Der Leiter des Seminars, ein grauhaariger Journalist namens Jens Herman, nahm seine Lesebrille brüsk ab und sah um sich. Er hatte am Rand Platz genommen, um den Vortrag eines seiner Kursteilnehmer besser im Blick zu haben und doch ein wenig in der Abseitsposition zu sitzen. Jetzt war er aufgestanden und forsch nach vorne gegangen, dem Vortragender an die Seite. Sowohl an den Vortragenden, wie an die ganze Klasse gerichtet fuhr er fort und legte dabei dem Vortragenden (der etwas indigniert dreinblickte) seinen Arm freundschaftlich um die Schulter: „Leute, wir wollen Qualität! Das ist zum einen wichtig, um die eigene Arbeit später durchzuhalten, aber auch, um den Verlagen und Produktionsstätten ein Argument zu geben!“
Raunen im Saal.
„Es geht um folgendes: ein Produkt muß in sich stringent sein, nachvollziehbar und leicht verständlich! Das sind die Parameter, mit denen wir es hier zu tun haben! Alles andere ist Quatsch!“
Raunen im Saal.

Der Kursleiter erhob seine Hand und fuhr fort: „Das Thema ist frei, die Handlung ist frei, im Prinzip ist alles frei: nur die Qualität ist leider ein Maßstab, dem sich jeder beugen muß! Schauen Sie: wir haben hier eine an sich gute Story: Typ hat in den Bränden alles verloren, begibt sich in den vermeintlich sicheren Norden, trifft eine dubiose Lady, verbringt eine Nacht mit ihr und nun kommt „Miss Mummy“ mit 15 Tausend Croissants in den Raum – hey: wo soll denn DAS hinführen? WAS sind die Fragen?“ Herr Hermann redete sich in Fahrt und erntete Handzeichen.
„OK! Paul?“
„Haben die gefickt? Ich meine, das interessiert doch alle, oder?“
„Berechtigte Frage!“ kommentierte Herman und zeigte auf den nächsten Teilnehmer.
„Hubert?“
„Hmmm, also, die Tag/Nacht Diskrepanzen scheinen mir noch nicht so elaboriert zu sein, da gibt´s einige Anschlußfehler, wenn ich das mal so anmerken darf... Ausserdem will ich persönlich wissen, wieso diese Kessy eigentlich hinter Gittern war....“
Der Vortragende unterbrach hier mit einem „Ein bisschen mehr Geduld und Du hättest es erfahren – war nur leider wegen Professor Herman nicht möglich!“ Er war sichtlich angepisst von der oberlehrerartigen Art des Kursleiters.
Herman ging auf den Anwurf direkt ein und übernahm wieder die Führung in seiner Klasse. „In Ordnung: kleine Demokratie: wer will den Fortgang der Geschichte weiterhören – ich bitte um Handzeichen?“
Von den achtzehn Kursteilnehmern hoben zwölf die Hand. Herman sah in die Runde und war konsterniert. „In Ordnung, die Mehrheit möchte diesen neuzeitlichen Jerry Cotton-Verschnitt weiterhören – kein Problem soweit! Doch ich warne euch: ihr anderen seid auch dran – vergeßt´ das nicht! Was ihr mit dem Fortgang der Geschichte von Peter hier erreicht, ist lediglich ein Aufschub an Zeit für euren eigenen Roman! Und da will ich ebenfalls Ergebnisse hören: und zwar hier vor allen anderen – sind wir uns da einig?“
Raunen im Saal.
„OK, Peter, dann kann es ja weitergehen!“
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„Ho-hoo, Leute- einen schönen guten Morrrrrrrgen“ polterte Sally und ließ das Serviertablett auf den kleinen mahagonifarbenen Esstisch knallen, worauf sich eine kleine Croissant-Lawine auf das polierte Edelholz ergoss. „Ich habe gerade ein fürchterliches Knurren in der Küche aus Richtung des Magens deines Mustang-Kapitänes vernommen. Greift zu! Croissants mit Schokolade, dort drüben die sind mit frischer Highland-Sahne, die Gruppe da drüben mit dem gelben Klecks- vorsicht, die sind mit Mexican Chili gefüllt...“

Jordan wischte sich heimlich eine Glücksträne aus dem Augenwinkel, obwohl er just in diesem Moment wieder an seine abgebrannte Vergangenheit denken musste. Jill, seine langjährige Freundin, hatte ihm damals auch so einige morgendliche Glücksmomente durch kulinarische Kreativität heraufbeschworen. Wie hatte er diese Momente in der Küche zu Hause geliebt: den Duft nach frisch aufgebackenen Mürbeteig mit allerlei raffinierten Zutaten, die täglich variierten... Wie konnte Sally das wissen? Nur- es fehlte Fisch. In diesem Berg von gekrümmten, fluffigen Hörnchen konnte er keine einzige Meeresfrucht entdecken. „Ach übrigens, wenn Du nach Fisch suchst... Es ist mir sehr peinlich. Aber oben im Wood Lab habe ich monatelang versucht, Fisch in jeglicher Form an meine Gäste zu verfüttern. Ob Ihr’s glaubt oder nicht, nichts haben sie davon weder morgens noch abends angerührt. Das Ergebnis: Alle ausser einem gewissen Lieutenant Patterson von der USS Good Will haben auf Fisch geradezu allergisch reagiert. Sehr zur Freude unserer Katzenschar übrigens. Seitdem habe ich keinen Fisch mehr als Proviant an Bord der „Seamasters“. Seeleute auf Urlaub essen nun mal keinen Fisch....“
„Sally, Du nervst! Jordan hat im Momant schon alle Hände damit zu tun, sich auf die deine anderen Croissants zu konzentrieren und ich würde gerne heute Morgen mal mit Willie reden wegen der Sache gestern im Post Ranch Inn. Wenn wir wieder zurück sind, führst Du uns ein bisschen rum, o.k.?“ Jordan erhob sich ein Stückchen aus dem Blätterteigberg und gab ein zustimmendes „hmpfhmmpf“ von sich.

Auf dem Weg nach San Jose ging es Jordan gut wie schon lange nicht mehr. Seltsam, wie sich das Blatt von einem Tag auf den anderen komplett wenden konnte. Gestern lag nur ein gewaltiger Scherbenhaufen vor ihm, heute hatte er das Gefühl, drauf und dran zu sein, neue Freunde zu gewinnen. Im Kofferrraum lagen verkohlte Habseligkeiten, auf dem Vordersitz neben ihm eine der geheimnisvollsten Frauen, mit der er je ein Bett geteilt hat. Der V8 blubberte friedlich vor sich hin, eine leichte Meeresbrise strömte durch das Fenster hinein und nach einer halben Stunde entspannter Fahrt bogen sie in die Einfahrt des Santa Cruz State Departement ein.
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Als Kessy raussprang, die Wagentür zuschlug, sich noch mal durch das geöffnete Fenster beugte und meinte: "Dauert nicht lange, bin gleich zurück!" erinnerte sich Jordan wieder daran, warum sie diese Reise unternahmen. Er wusste wohl inzwischen das Kessy nicht hier her gehörte, zumindest nicht gebürtig, auch das sie sich regelmäßig melden musste, aber den wahren Hintergrund kannte er noch nicht. Um sich nicht den schönen Tag zu vermiesen, glaubte er einfach an das Vermeintlich einfachste: Keine Amerikanerin, will einfach hier bleiben, darf nicht und muss sich regelmäßig neue Genehmigungen holen. Und weil ihr das zu blöd war, versuchte sie jetzt über Vitamin B ein echte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Er ist auch gar nicht betraut mit den Richtlinien für Einwanderer. Was er schon mal gehört hatte, war, daß man GreenCards gewinnen kann. Aber irgendwie glaubte er nicht dran. Er wollte jetzt auch gar nichts glauben - im Moment fühlte er sich frei. Nur den V8 unterm Arsch, den Himmel über´m Dach und alles was man noch vom Leben noch hat: im Kofferraum. So wartete er auf seine "Croissant" - Frau.
Er streckte den Kopf aus dem Fenster und blinzelte in die Sonne und dachte einfach daran, daß er hinfahren konnte, wo er will und daran, daß es nicht viele Manschen geben wird, die das Gleiche machen könnten.
In seinen Gedanken versunken merkte er erst wieder, daß Kessy zurück ist, als diese bereits im Wagen sitzend, die Tür zuschlug. Er riss den Kopf rum, grinste sie an, startete den Wagen und fuhr ohne ´was zu sagen los in seine neu erdachte Freiheit.
Seine Beifahrerin schien keine Fragen oder anderweitige Bedürfnisse zu haben. Also - Gas geben und schauen wo sie das restliche Benzin im Tank hin verschlägt.

Natürlich nagte es in seinem Hinterkopf - da konnte er sich auch bei dem tollen "Ich-fahr-in-die-Freiheit-Gefühl" nichts vormachen. Also versuchte er auf der Landstraße weiter Richtung Norden irgendwo eine gemütliche Bleibe zu finden und hoffte, daß sie beim nächsten Kaffee endlich gesprächiger wird.
Er verteufelte sich schon jetzt für die Idee "IRGENDWO" anzuhalten, wo es ihm gefällt. Er kennt das schon - er hält nie an weil er denkt : "Zu spät - schon vorbei - ach, es gibt eine nächste Gelegenheit!" - fast bezeichnend für sein Leben.

Aber da wurde er auch schon auf ein Schild aufmerksam, auf dem stand: "Bester Kaffee in der Gegend!" Wahrscheinlich deshalb weil das Schild schon das dritte mal an ihnen vorbeirauschte. "Die machen´s einem ja einfach!" dachte er sich noch, und hielt Ausschau nach der Abbiegung zu benannten Kneipe.

Er hatte es tatsächlich geschafft, die Ausfahrt nicht zu verpassen und so saßen sie sich nun gegenüber bei einer dampfenden Tasse Kaffee.
Kessy merkte, daß sie jetzt nicht länger mit Ihrer Geschichte hinter´m Berg halten konnte und räusperte sich das ein oder andere mal, um noch einige Minuten zu gewinnen. Aber was soll´s... wenn das raus ist, ist es für sie auch einfacher.
...

Kessy sah Jordan dabei zu, wie er etwas zu lange den Löffel in seiner Cappuccino Tasse kreisen ließ, um die vier Löffel Zucker zur Auflösung zu bringen. Sie selbst hatte das Problem nicht, da sie ihren Kaffee immer schwarz trank. Vielleicht auch ein wenig deswegen, weil in absehbaren Abständen das Personal vorbeischwebte, um dümmlich lächelnd nach einem „refill“ zu fragen. Je nach pekuniärer Lage, sagte sie einmal zu oder winkte mürrisch ab.
Nun hatte Jordan auch für sein Gefühl genug im caramelbraunen Sud vor sich herumgerührt und blickte Kessy klar, eindeutig und unverholen an, indem er ein fragendes „Und???“ in den luftleeren Raum zwischen den beiden parkte. Dabei korrgierte er seine Sitzposition etwas nach hinten, überkreuzte seine Beine unter dem Tischchen und verschränkte die Arme provokant vor seiner Brust.
Kessy rang nach dem rechten Anfang für ihre Beichte, naja, das war vielleicht etwas zuviel, aber die Richtung stimmte schon. Sie umfasste ihre Tasse, starrte in dieselbe, als ob man in den schwarzen Untiefen auch nur irgendetwas erkennen könnte und sah ihn abrupt und ganz direkt an. „Mister Mustang, hätten Sie vielleicht noch eine letzte Kippe für mich?“ flötete sie ihn devot an.
Jordan hatte ihren Blick erwidert, ließ seine Hand in die Jacke gleiten und legte Zigaretten samt Feuerzeug wortlos auf den Tisch.
„Danke!“ kam es von Kessy und sie zündete sich eine an. „Also“ inhalierte sie und sah kurz nach draussen „die Sache ist die: wir sind absolut auf dem falschen Weg – wir zwei Hübschen hier!“ Sie ließ den Rauch durch die Nase austreten und sah ihn nicht ganz direkt an, um zu erkennen, ob die Einführung schon eine Wirkung zeitigte.
Jordan sah nach wie vor anteilnahmslos in ihr Gesicht und schien abzuwarten, ob da noch mehr kam. Er war eigentlich gut gelaunt, aber diese Art von Schauspiel ging ihm dermaßen auf die Nerven, daß er für den Moment beschloß, jetzt nicht SOFORT aus der Haut zu fahren – was er möglicherweise sonst gemacht hätte. Aber in seiner Situation war es (bei Lichte besehen) ohnehin im Augenblick egal, was als nächstes kam.
„Hör´ zu: eigentlich, ich meine EIGENTLICH müßten wir beide in Richtung Süden unterwegs sein. Ich weiß, ich weiß, ich weiß!“ winkte sie selbst ab, zog an der Kippe, bließ den Rauch aus und warf ihre Hand seitwärts in den Raum. „Ich WOLLTE längst in den Süden, aber dann kam die Post-Ranch-Inn-Sache dazwischen und die blöden Santa Anna Winde und die Feuer und der Blackout und dann...“ dabei sah sie Jordan eindringlich und direkt an „kam das BESTE! Und DAS warst Du!“ Jetzt war sie der tiefen Überzeugung, daß sie einen Treffer gelandet hatte und blickte ihn erwartungsfroh an.
Doch Jordan entschränkte sein Arme nur, strich sich mit einer Hand durch die Haare, während er mit der anderen der Packung eine Zigarette entnahm. Er tat das ganz langsam, während in seinem Kopf der Film ablief „So, und was hat die Schnitte jetzt noch auf der Leiste oder war es das bereits?“ Das Zippo klackte, er inhalierte und sah sie mit einem „Bist Du Dir da ganz sicher, Baby?!“ an.
Kessy war überzeugt und konterte mit einem „Absolut!“
Überraschenderweise lehnte sich Jordan nun nach vorne und ließ keine Sekunde den Blick von ihr. „Kessy!“ begann er seine Ansprache „WENN das alles so mal ganz richtig ist, was Du da erzählst, dann folgt daraus ganz einfach: Es stimmt nicht! Warum? Weil man das, was einem das Wichtigste, Beste, Liebste ist, eben nicht mit Langeweile quält! Du möchtest mir etwas sagen. Gut. Dann sag´ es ganz einfach oder schweig´ für immer, aber vergeude unser beider Lebenszeit nicht mit lausigen Worthülsen, die von Politikern ausgeborgt sind! Ich bin zu alt für so´n Scheiß, verstehst Du das?!“ Sein Blick bohrte immer noch unaufhörlich in Kessy´s Richtung. Kessy antwortete galant mit einem „OK!, OK!, OK!“ und hob dabei die Hände.
„Kessy!“ Jordan erhob sich vor ihr und fuhr fort „Ich gehe mal eben austreten, wenn Du verstehst und danach fahren wir südwärts, weil es mir gerade egal ist, wohin und so. Aber ich ERWARTE von Dir entweder eine wirklich gute Story – oder Dein Verschwinden aus meinem Leben, wenn ich vom Pissen wieder zurück bin. Keine Schuld, keine Forderungen, kein Garnichts. Take your chance, babe!“
Damit verschwand Jordan in Richtung „restrooms“.
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Als Jordan wiederkam, fand er auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches nur einen hastig geschriebenen Zettel vor. „ Tuht mir laid, muste weg. Irggendwan wirst Du verstehn. Dange für die Nachd. K.“
„Ok,Ok“ dachte er, während er sich im Restaurant umsah „ich bin mal wieder zu weit gegangen.“ Anstatt einfach noch einen schönen Tag gemeinsam zu genießen, musste er ja unbedingt nachbohren. Was ging die einäugige Fremde ihn schon an? Soll sie ihr Geheimnis doch mit ins Grab nehmen. Er zahlte seufzend die Rechnung und ging hinaus auf den Parkplatz. Wo sie nur abgeblieben sein mochte, hier in the middle of nowhere? Weit konnte sie nicht gekommen sein und wenn schon. Er hatte, weiß Gott, andere Sorgen.
Die angebliche Brandstiftung in Malibu zum Beispiel. Eine Sache ließ ihn nicht los: Wieso waren so viele Häuser wie seines fast gleichzeitig ein Opfer der Flammen geworden? Hätte zunächst nur ein Haus am Rande der Siedlung in Flammen gestanden, so hätten die neugierigen Nachbarn dies doch sofort bemerkt und das Fire Department auf den Plan gerufen. Sein Haus stand nach ersten Erkenntnissen jedoch so ziemlich genau in der Mitte des betroffenen Viertels. Somit hätte es doch genügend Zeit gehabt, gerettet zu werden. Statt dessen waren die Verwüstungen in seinem Haus mit Abstand die größten im Vergleich zu den Villen am Whitmore Circle. Er selbst war höchstens eine Stunde weg gewesen, um sich bei seinem Bruder den neuen Doppelvergaser abzuholen, der bis jetzt darauf warten musste, eingebaut zu werden. „Oh Baby,“ flüsterte er fast liebevoll, als er auf Höhe seines Fahrzeugs war und tätschelte dabei den chromblitzenden Secheinwerferring „ohne deinen neuen Vergaser wären wir beide vielleicht heute auch nur noch ein Haufen Briketts“. Da blieb sein Blick an einer der Schrauben hängen, die den Zierring an der Karosserie fixierten. Er beugte sich hinunter, um einen genaueren Blick darauf zu werfen. An der Schraube hatte sich eine feine schwarze Nylonschnur verfangen- das andere Ende der Schlaufe verschwand geradewegs in seinem Kühlergrill. „What the f…” dachte sich Jordan, als er das zigarettenschachtelgroße Loch im Grill anstarrte. Er schloss den Wagen auf, zog die Verriegelung und hob die lange Motorhaube vorsichtig an. Von dem Loch im Kühlergrill baumelte ein schwach blinkender schwarzer Kasten im Halbdunkel vor dem Kühlerventilator. Das Blinken stammte von einem kleinen LED-Display, das deutlich die Ziffern „0:33, 0:32, 0:31“ anzeigte. „Nein Freunde- so kriegt ihr mich und den Wagen auch nicht klein“ knurrte Jordan und zerrte an der Nylonkordel. Sie hing fest. 0:24, 0:23... Er versuchte, am Gehäuse des Kastens einen Schalter zu ertasten, doch die Oberfläche fühlte sich homogen metallisch glatt an. Wo war denn sein Schweizermesser, wenn er es schon einmal brauchen konnte? Lag wohl zuunterst in dem Kohlegrab seiner Habseligkeiten... 0:18, 0:17... Er zog noch einmal mit aller Kraft an der Kordel und spürte, wie die Zierringschraube langsam nachgab. Mit einem Ruck beförderte er den unheilschwangeren Kasten unter der Haube hervor. 0:10, 0:09...

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0:08, 0:07... er blickte sich in der Gegend um und versuchte blitzschnell die Umgebung zu sondieren - auch was er noch vom herfahren wusste. 0:05... Links von ihm war eine abgelegene Telefonzelle in der sich niemand befand. In der Schnelle als die ungefährlichste Stelle auserkoren, schmiss er das Ding mit aller Wucht in die Richtung und sich selbst neben seinem Auto in den Sand. Er zählte in Gedanken mit... 0:02, 0:01, 0........

Nichts! Mensch - das Ding muss doch irgendwas machen, wieso passierte nichts? Langsam richtete er sich wieder auf und schaute, immer noch geduckt, zwischen dem offenen Motorraum und der offenen Haube in Richtung Telefonzelle. Es rührte sich immer noch nichts. Langsam schritt er jetzt um seinen Mustang in die Richtung des kleinen schwarzen Mistdings das immer noch ruhig im Sand lag. Dort angekommen drehte er es langsam um und die roten Ziffer "0:00" strahlten ihn an. Jetzt bemerkte er das zwei abgerissene Drähte hinten aus dem Kästchen ragten. Er lief zu seinem Wagen und entdeckte weiter unten zwischen Kühlergrill und Ventilator die zwei anderen Enden der Drähte die unter dem Wagen verschwanden. Er legte sich unter den Wagen und sah dann am Ende der Drähte drei Stangen die mit Plastilin oder ähnlichem an der Wagenunterseite befestigt waren. "Scheiße, scheiße, scheiße... was soll jetzt das schon wieder. Wer hat es denn auf mich abgesehen und was noch viel interessanter wäre, WARUM?" dachte er sich. Klar das Kessy dahintersteckte, auch die ganze "Ich lass mich mal umfahren-Nummer" war wohl getürkt und beabsichtigt. Aber warum nur - Er hatte sich doch nichts zu schulden kommen lassen oder sonst was verbrochen?! Er lag also so unter seinem Mustang mit drei Dynamitstangen direkt über seiner Nase und dachte nach was zu tun sei. An die Bullen wollte er sich erst mal nicht wenden, sonst buchten die ihn noch wegen dem Sprengstoff ein. Vorsichtig löste er das Paket von dem Blech und robbte unter dem Wagen vor. Er sicherte das Paket in dem er die Drahtenden aus dem Plastilin zog und packte alles zusammen in einem Lumpen in den Kofferraum.
Er erinnerte sich an einen Kumpel der weiter im Norden wohnte. Irgendwo in den Bergen. Der fiel ihm plötzlich ein - er wusste nicht warum und je mehr daran dachte desto mehr verschwand die Erinnerung an ihn. Er wusste gar nicht mehr woher er ihn kannte aber irgendwie dachte er, das er der einzige ist dem er vertrauen konnte. Wie war noch sein Name? Er kramte noch etwas in seinem Gedächtnis und das einzige was er noch zusammenbekam war der Name "Peter" und die Gegend um den Moraga Country Club.
Er konnte sich immer noch an nichts genaueres erinnern aber er wusste das er da schon mal war.
Jordan drückte das Gaspedal durch und fuhr auf der 880er auf der er sich eh schon befand, weiter und wusste er musste sich ab Oakland rechts halten.
Durch die Ereignisse der letzten Stunden total verwirrt fuhr er stur nach Gefühl einfach weiter als ihm im Rückspiegel ein neuer Chevi Blazer in schwarz auffiel. War der nicht schon auf dem Parkplatz von der Bar gestanden? Jordan wusste nicht was er damit anfangen sollte und fuhr erst mal weiter, aber nicht ohne ab und zu nervös in den Rückspiegel zu blicken.
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Jordan versuchte zunächst einmal die Ruhe zu bewahren, denn NOCH war nichts Ernstes passiert... Die Straße war eng und kurvenreich, der Chevi konnte also kaum überholen; aber er konnte ihm entweder von hinten anfahren oder – schießen. Es blieb ihm also etwas Zeit zum Nachdenken.
Worüber er jetzt NICHT Nachdenken sollte, ist die Tatsache, daß er mit diesem Wagen eine Legende unter´m Arsch hatte, auf die er ewig hingearbeitet hatte: es war ein 64er Mustang, zugelassen im Juli, also drei Monate nachdem die allerersten Wagen vom Band gerollt waren! Seiner hatte noch das Schaltgetriebe, das Dreispeichen-Lenkrad (innen drei Chromspeichen, aussen Leder in Wagenfarbe!) und die Pony Ausstattung. Es hatte ihn Unsummen an Zeit und Geld gekostet, den Wagen bis heute in den Zustand zu versetzten, den er sich immer vorgestellt hatte. Somit hatte er auch keine Ambitionen, den Wagen jetzt zum Opfer einer lausigen Verfolgungsjagd werden zu lassen. Er hatte zwar gut über 200 PS unter der Haube und dank seines Bruders ein verbessertes Fahrwerk, Getriebe und eine deutlich verbesserte Bremsanlage – das machte einen Gewinn in Sachen Fahrspaß, aber brachte seinen Mustang noch nicht in die Top Five der optimalen „Chase Cars“.
Er durfte einfach nicht daran denken, was passieren würde, wenn dieser Drecks Chevi ihn überholen und seitlich rammen würde! Allein bei dem Gedanken zogen sich seine Eingeweide zusammen...
„Scheiße, Scheiße, Scheiße! Cool bleiben!“ hämmerte es in Jordan´s Schädel. Was war das Sinnvollste? In die Menge! Da war er nicht – also mußte er wohl zusehen, daß er unter andere Fahrzeuge und Menschen kam. Wenn dieser Scheiß Chevi ihn also wirklich ihm Visier hatte, dann mußte er entweder JETZT zuschlagen oder auf eine bessere Gelegenheit warten.
Das wird nicht so einfach sein, je weiter sie fahren würden, desto größer die Chance, daß sie unter andere Verkehrsteilnehmer gerieten und damit der Chevi sein Ziel verfehlte – wenn es denn so war. Die Jungs waren also unter Druck, soviel stand mal fest.
Jordan resumierte weiter, daß die Wahrscheinlichkeit, daß die Jungs hinter ihm die an sich besseren Fahrer waren, eher geringer war: er und sein Bruder hatten schon als Halbwüchsige Stock-Car-Races mitgemacht und an alten Schrottautos solange rumgeschraubt, bis sie wieder liefen – und nicht nur das: es waren Rennwagen daraus geworden (die zwar absolut „Scheiße!“ aussahen – aber nicht selten den Pokal nach Hause brachten!)
So geschah es, daß in Jordan´s Gesicht einen kurzen Moment lang die Sonne aufging, Bilder der Erinnerung aufstiegen, wie feine Gasbläschen in einem Bierglas und er langsam die Geschwindigkeit erhöhte – einfach um zu sehen, was der Cehvi daraufhin so unternimmt. Es überraschte ihn keineswegs, daß der Blazer mithielt, es überraschte ihn auch nicht, daß er langsamer wurde, als auch er langsamer wurde; nicht viel, aber merklich. Na gut, dann merken wir uns halt mal die Nummer...

In dem Augenblick, als er gerade dabei war, seine nächsten, taktischen Manöver auszuloten, sah er vor sich - in einiger Entfernung am Ende einer Geraden - eine kleine Absperrung, die eher nach Baustelle aussah, mit den üblichen weiß-rot gestreiften Brettern und den weißen Holzböcken. Die standen auf der Straße, während ein Streifenwagen auf der Bankette stand. Jordan grinste ein zweites Mal und wurde langsamer. Im Rückspiegel sah er den Blazer abfallen. Ruhig und siegessicher kuppelte er aus, schaltete einen Gang runter und peilte die gegenüberliegende Bankette an.
Doch was jetzt geschah, konnte keiner ahnen: der Chevi Blazer drehte auf, schoß schnurstracks auf die Absperrung zu und aus dem Beifahrerfenster schob sich der Lauf einer Handfeuerwaffe. In Nanosekunden waren zwei Feurstöße zu sehen und Jordan hörte nur das hintere Seitenfenster zerschellen und ein dumpfes „Tsdonk!“. Danach flogen die Holzsplitter der Absperrung durch die Luft.
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Jordan konnte es zunächst nicht fassen, was gerade um ihn geschah, dann sah er sich das zersplitterte Fenster genauer an und fing bitterlich an zu weinen. Er weinte nicht, sondern heulte Rotz und Wasser, bis einer der herangeeilten Deputies tröstend einen Arm um seine Schulter legte: „Ey Mister, ich weiß ja nicht, was die gegen sie haben, aber das mit dem Wagen, das ist echt mörderkacke. Wissen Sie, ich hatte auch mal eine 65er Corvette mit chromblitzenden Sidepipes. Aber wissen sie, ich habe auf die Dauer den Stress nicht ausgehalten- ständig in der Angst, dass irgendein Vollidiot mir ’ne Schramme reinmacht, während mein Baby draussen parkt. War ich auf ner Party, habe ich drei Blocks entfernt in einer ruhigen Nebenstraße geparkt und so. Supermarktparkplätze? Fahr ich nur mit meinem Kleinpanzer hin. Letztes Jahr bin ich aus Versehen da unten mit der Corvette in den Treibsand gekommen. Gefunden hat die Kiste keiner mehr. Das war’n echter Schock, wissen sie...“ Jordan drehte sich langsam um, seine verschwiemelten Augen bekamen ein mitfühlendes Mittvierzigergesicht ins Blickfeld. „Danke für ihr Mitgefühl. Es ist schön, Freunde in der Not zu haben. Wo um alles in der Welt soll ich hier jemals wieder eine so makellose Seitenscheibe wiederfinden wie diese, die in Trümmern auf meinem Ponygestühl liegt?“ Der Beamte rang auch nach Worten, während er einen kleinen Glassplitter zärtlich in der Sonne glitzern ließ. „Die Zeit heilt alle Wunden. Vielleicht haben Sie ja auch Glück und sie finden wieder eine? Es soll ja Wunder geben.“ Erschüttert reichte er Jordan ein fast unbenutztes Taschentuch und reichte ihm eine Packung Policeman Silver entgegen. „Rauchen sie?“
Die beiden setzten sich auf den Kies des Banketts und bliesen Rauchwolken in die unbewegte Luft. „Hey Willie, ich denke wir müssen langsam, wie haben da einen ten-fortyone“ rief der andere Deputy hinüber, der in der Zwischenzeit seinen Kollegen weiter nördlich Anweisungen bezüglich des Chevys über Funk gegeben hatte. „Ey mal langsam, der Junge hier hat gerade Schreckliches erlebt!“ rief er zurück und sah Jordan von der Seite an. „Wird’s denn gehen? Hier meine Karte...“-
WILLIE MOSHEAD
Sta. Cruz State Department

Der Rest war unwichtig. „Willie, der alten Sally’s Sohn?“ schluchzte Jordan „wo zum Teufel steckt nur Kessy?“ Die Miene des Deputies erhellte sich: „Du musst Jordan sein. Klar, sie hat von Deinem Mustang erzählt. Ich glaub’ es nicht!“ Freudestrahlend klatschte er sich auf die Schenkel, zog Jordan hoch und meinte „um deinen Wagen kümmern wir uns später, der steht gut hier. Wir sollten jetzt aber was wegen den Schweinebacken im Blazer unternehmen und dich werden wir noch brauchen.“ Sprach’s und zerrte Jordan in den Streifenwagen. „Schnell, weit können sie nicht gekommen sein. Nördlich von hier ist alles dicht.“
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Etwas benommen von den letzten Ereignissen saß Jordan im Streifenwagen und musste sich erst mal darüber klar werden was so passiert ist. Während Willie den Wagen die Straße Richtung Norden trat, um die Schweine noch stellen zu können, schossen in Jordans Kopf komische Bilder und Fetzen von Stimmen hin und her die er aber nicht fassen konnte.

Er kam erst wieder leicht in die Realität zurück als Willie auf dem Fahrersitz zu schimpfen begann: "Scheiße, der hat mir gerade noch gefehlt!". Er versuchte ohne die Augen von der Straße zu nehmen, das Gewehr das vor dem Beifahrersitz verankert war, zu greifen. Durch die momentan waghalsigen Lenkbewegungen war das gar nicht so einfach. Schließlich fand seine umher schlingernde Hand den Griff und er riss es an sich.
Weiter aus seiner Dämmerung aufwachend entdeckte jetzt auch Jordan den militärgrünen Hummer der versuchte, auf der linken Seite des Streifenwagens vorbeizukommen. Willie hielt mit der linken Hand das Lenkrad fest und mit der rechten das Gewehr aus dem Fenster. Er feuerte zweimal hintereinander und ihr Wagen kam immer mehr ins Schlingern. Der Hummer rammte sie leicht, mehr hat es auch nicht mehr gebraucht um die Behördenkutsche in die Pampas zu schicken.
Das Auto überschlug sich mindestens zweimal als es um Jordan plötzlich dunkel wurde.

Ein leichter Lichtschimmer war durch die halb geöffneten Augenlider erkennbar. Er konnte nur noch nichts damit anfangen da sein Hirn noch im letzten Traum hing. Da ging es um Krankenhauszimmer, piepsende Apparate und leuchtende Dioden. Nur ein Traum? Oder Erinnerung einer Wirklichkeit? Langsam glitt er in die "echte" Welt hinein und bemerkte die Hand, die einen kühlen Lappen auf sein Hirn drückte und gleichzeitig die Worte einer weiblichen Stimme: "Peter, er wacht auf! Komm her!".
Jordan öffnete seine Augen nun vollends und blickte in ein altes, zerfurchtes aber sympatisches Gesicht. "Peter? Bist Du Peter? Ich kann nicht sagen warum mir schon wieder dieser Name einfällt aber er tut es."
"Hi Curtis, wenn's nach denen ginge dürftest Du Dich weder an mein Aussehen noch an meinen Namen erinnern! Aber da sieht man mal wie schlampig die Regierung mit ihren Projekten umgeht. - Schatz hol doch einen Schluck Wasser für unseren Gast." raunte Peter noch der hübschen Frau neben ihm zu."
"Curtis?? Du verwechselst mich wohl. Ich bin Jordan Matthew Lansky aus Malibu!"
"So, so Jordan haben sie Dich genannt, na ja mir soll es egal sein. Wenn Du so besser damit zurecht kommst...! Ich denke Du ruhst Dich noch etwas aus. Hier bist Du erst mal sicher. Später werden wir versuchen aus dem Jordan ganz langsam wieder einen Curtis zu machen.".
Dan spürte Jordan den Stich im rechten Arm und schon dämmerte er wieder weg bevor er noch die Schmerzen seiner zahlreichen Verletzungen wahr nehmen konnte.
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Professor Hermann klopfte leicht mit der falchen Hand auf die Pultplatte und erhob sich. Peter unterbrach seinen Vortrag etwas genervt und sah ihn entsprechend forsch an. Jens Hermann trat vor und sah über die Köpfe des Hörsaales.
„Damit ich nicht gleich wieder alle gegen mich habe, eine Frage an alle: WAS bitte ist JETZT passiert?“ kollegial wandte er sich an den Vortragenden mit einem „Peter: es geht gleich weiter, keine Panik – aber wir haben hier eventuell einen `Plot-Point´ in der Geschichte! Ich bitte also um Handzeichen.“
Erwartungsgemäß kam erst einmal ein Raunen, das nach und nach lauter zu werden schien. Eine verhermt wirkende Brillenträgerin machte ein schüchternes Handzeichen, das Hermann sofort sah „Ja bitte, Jaquline?“
„Also, ähm, ich meine, der Peter hat hier einen Versuch unternommen, sich selbt mit in die Geschichte mit einzubeziehen. Ein Peter ist nun mal ein Peter und wenn der Autor nicht unter einem anderslautenden Pseudonym veröffentlicht, liegt die Vermutung sehr nahe – meine ich zumindest...“ Jaquline lehnte sich jetzt wieder sichtlich entspannter zurück und machte sich irgendwelche Notizen.

Der Professor schürzte die Lippen zu einem Schmollmund und kommentierte laut: „OK, das kann man so sehen – andererseits ist Peter ein häufiger Name.... Und drittens wissen wir noch nicht, ob es der Vorname oder Nachname ist.... Was noch?“ Seine Blicke wanderten aufmerksam durch die Gruppe. Es gab ein weiteres Handzeichen.
„Ja, Paul?“ Paul blieb fast unbewegt in seiner Sitzposition und sagte mit sonorer Stimme in den Raum: „Meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist es strategisch unklug, dem Leser eine Identitätswandlung zuzumuten. Die Handlung an sich ist schnell, wenn auch nicht besonders anspruchsvoll. Aber sie nimmt den geneigten Leser mit und da sollte man nicht versuchen, mit Nebelbomben die Aufmerksamkeit zu zerstreuen, Sie wissen, was ich meine....“
„Gut, Paul, weiter?“ Hermann´s Augen wanderten weiter über seine Schützlinge. Er versuchte den Stachel der Kreativität in seiner Klasse auszupacken, landete aber keinen Treffer, denn es meldete sich eine Studentin namens Siegrid. Sie hatte eine fast anteilnahmslos klingende Stimme – dafür schärfere Worte. „Ich finde genau das Gegenteil von Paul: relativ klassisch der Handlungsfortgang, jetzt kommt der geheimnisvolle Mann (oder auch Frau!) aus der Vergangenheit ins Spiel, ein „deus ex machina“ gleichsam – aber trotz der oberflächlichen Ungereimtheiten bin ich persönlich sehr gespannt, was jetzt als nächstes passiert...“ Siegrid lehnte sich jetzt vor, dreht ihren Stift zwischen beiden Händen und sah auf ihre Notizen. „... Das kann sich alles noch ganz spannend aufdröseln, in die Historie von Californien und den Vietnamkrieg gehen – wir wissen es nicht... Zudem betrachte ich derart Vorgetragenes als Skript, als Entwurf, als Treatment oder Skribble, wenn Sie wollen. Über das Ganze gehen im Ernstfall noch zig Autoren Korrekturen und Lektoren, so daß ich persönlich keine Sorge hätte, derartige Ungereimtheiten vor dem finalen Leserpublikum vorzufinden....“ Sie sah Herman unmißverständlich an.
Dieser Blick konnte alles heißen. Verachtung aber auch kollegiale Hochachtung, die Suche nach einer echten Autorität, wie die Suche nach einem wirklichen zuhause. Hermann war entsprechend verwirrt und kürzte in gewohnter Form ab.
Mit einem „Brilliant!“ in Siegrid´s Richtung zeigte sein Kugelschreiber noch einmal in ihre Richtung, bevor er Peter ermutigte, weiter fortzufahren. Er steckte seinen Kugelschreiber wieder zurück in sein Revers und begab sich wieder an seinen angestammten Platz hinter der ersten Sitzreihe des Vorlesungssaales.
Indigniert blickte Peter in die Richtung des Professors. Der machte nur eine gut gelaunte Handbewegung, die Peter uneingeschränkt aufforderte, seinen Vortrag fortzusetzen.
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Ein paar Tage später konnte Curtis alias Jordan bereits wieder selbstständig feste Nahrung zu sich nehmen und die Schnabeltasse wie auch die Beinschiene wanderten zurück in den Krankenhausfundus. Nach und nach setzten sich die Puzzlestücke zusammen, die nach dem Unfall zerstreut vor ihm gelegen hatten. Er befand sich offensichtlich in einem Regierungsgebäude, dem eines der modernsten Marinehospitäler der Vereinigten Staaten angegliedert war. Abgesehen von den emsigen Krankenschwestern und Stationsärzten konnte er durch den Türspalt seines Krankenzimmers zahllose Uniformträger durch den Gang huschen sehen. Peter war trotz seiner temporären Schaffensphase gerade wieder mit seiner Frau zu Besuch und klopfte Curtis sanft auf den Gipsverband, der sich von seiner rechten Schulter bis zum Handgelenk erstreckte. „Hast noch mal mächtig Schwein gehabt, alter Schwede- und ich habe endlich die Gelegenheit, in diese Geschichte mit einzusteigen!“ In den zahllosen Stunden des Dahindämmerns im Morphium-Delirium hatte Peter die Zeit genutzt, um Curtis’ Gedächtnislücken aufzufüllen.
Wie sich Curtis nun erinnerte, war Peter ein mittelbegabter Kurzromanautor aus Deutschland, den er vor vier Jahren als Auslandskorrespondent eines überregionalen Käseblattes in einem Café in Kabul, Afghanistan kennengelernt hatte. Curtis war zu dieser Zeit Development Officer und gehörte einer Eliteeinheit an, die sich mit der Entwicklung spezieller Radargeräte zur Erfassung bodengestützter feindlicher Aktivitäten beschäftigte. Curtis hatte also nichts, absolut gar nichts mit dem schlaksigen, blassen Gegenüber gemein, das damals am selben Tisch in dem Café auf dem Stuhl flätzte und die Rückseite seines Laptops anstarrte. „Echt heisses Teil- benutzen Sie auch einen Dell?“ hatte Peter ihn schließlich in gebrochenem Englisch angesprochen, während er sich gerade an dem frisch servierten Mokka die Lippen verbrannte. „Ey Mann- raus aus diesem Film. Du passt hier wirklich nicht rein...“ ranzte ihm Curtis an, während Peter einen Veitstanz aufführte, da der ausgelaufene Mokka eine glühendheiße Pfütze auf seinem Schoß hinterlassen hatte. „Aber Professor Hermann meinte, es sei eine ausgezeichnete Gelegenheit...“ „Who the fuck is Professor Hermann? Hallo- siehst Du’s nicht, ich habe zu tun und die Marke meines Laptops geht dich einen Dreck an!“ Der Deutsche rubbelte sich hektisch mit der Decke des Nachbartisches auf der Hose herum und sein Gesicht nahm eine puterrote Färbung an. „Hören sie- als Korrespondent hole ich mir Hintergrundstories für meine nächsten Romane. Der Authenzität wegen, verstehen sie? Und da ich diese Geschichten stets in meinen Laptop reinhämmere, wollte ich nur höflich fragen und ein bisschen Konversation betreiben.“

Konversation- wenn der Kerl wüsste, wie schlecht sein Englisch ist, würde er es nicht mal zum Schuhputzer in Chinatown bringen, dachte sich Curtis und wandte sich wieder seinen 3D- Landkarten auf seinem Laptop zu. Der Deutsche brabbelte weiter, als Curtis eine Nachricht aus dem Pieper in der Tasche auf seinem Oberschenkel vibrieren fühlte. „War nett, Mann, aber ich muss los“, meinte Curtis plötzlich, nachdem er den Zahlencode auf dem Display des Piepers dechiffriert hatte. „Versuch’s doch mal in einem anderen Roman, aber für solche Flaschen wie dich ist in unserer Geschichte nicht auch noch Platz“ fauchte Curtis den verdatterten Braungefleckten an, warf dem dunkelhäutigen Kellner einen halben US Dollar zu und stieg vor der Türe in den camouflage-farbenen Humvee des UN Corps.
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So sehr Curtis sich vorher anstrengte, die Erinnerungsfetzen aneinander zu hängen, so schwierig war es jetzt, die Geschichte aufzuhalten. Sein Hirn hatte einen Lauf und vor seinen Augen rannte die komplette Story vorbei wie sie sich vor vier Jahren ereignet hatte. Seine Umgebung nimmt er nur noch verschwommen wahr.
Während ein zuständiger Arzt, Curtis in seinem Krankenbett durch die Gänge schob, beeilte sich Peter und seine Frau hinterher zu kommen: "Wo kommt er jetzt hin? Ich muss ihn unbedingt noch mal sprechen wenn er zu sich kommt! Wann wird er denn wieder aufwachen?" quatschte Peter den Arzt während der rasanten Fahrt voll.
"Ich informiere Dich schon rechtzeitig. Bleib mal ruhig. Jetzt müssen wir erst mal sehen das sein Hirn nichts abkriegt bei der ganzen Scheiße. Der Anästesist hat das reguläre Mittel verwendet, das hätte er nicht machen dürfen - jetzt müssen wir schauen das er mit ca. einem Tag Koma langsam den Hirnsturm übersteht."
Peter blieb ruckartig stehen und rieb sich nachdenklich den Dreitagebart. Seine Freundin hätte ihn beinahe über den Haufen gerannt. Bevor der Arzt mit Curtis durch die nächste Schwingtür verschwunden ist rief Peter noch hinterher: "Ich verlass mich drauf das Du mich sofort holst wenn er aufwacht!". Der Arzt, der übrigens mit Peter das Projekt von Anfang begleitet hat, winkte nur noch mit der Hand durch die Tür ohne sich um zu sehen, um zu zeigen das er verstanden hatte. Isabelle, die die ganze Zeit hinter Peter hergetappelt war, nahm ihn jetzt bei der Hand und zog ihn in die Richtung von der sie kamen: "Komm schon, wir sollen bei der Besprechung unbedingt dabei sein hat General Ansell gemeint.
Als an der richtigen Türe gelandet sind traten die Beiden in den Besprechungsraum ein und ernteten schon einen schrägen Blick von dem General: "Pünktlichkeit war ja noch nie Ihre Stärke Doktor, aber jetzt können wir ja anfangen - setzen Sie sich!"
Nur eine kleine Runde ist zusammengetroffen um das plötzlich im Raum stehende Problem zu klären. Alles absolute Spezialisten auf Ihrem Gebiet und zu absoluter Verschwiegenheit verdonnert. Der Raum war nicht sehr schön, eher funktional. Abhörsicher, Neonleuchten an der Decke und einen etwas größeren, rechteckigen Metalltisch in der Mitte. Peter und seine Frau gingen links um den Tisch zu den einzigen freien Plätzen. Er lümmelte sich, so gut es eben geht für einen Psychologen, in den ungemütlichen Stuhl. Rechts von ihm saß seine Freundin Isabelle die bei dem Projekt die Schnittstelle zwischen ihm, dem Psychokram also, und der medizinischen Seite die von Dr. Borelli wahrgenommen wurde. Borelli saß ihm gegenüber und grinste ein "War ja klar das Du zu spät kommst Grinsen" über den Tisch. Der Doktor arbeitete während der heißen Phase eng mit Peter und Isabelle zusammen. Neben dem Doktor saß Mr.Q! In Wirklichkeit hieß er Smith, aber da er für die technischen Spezialtricks zuständig war, hatte er schon am ersten Tag des Projektes, den Spitznamen weg. Auf der Stirnseite gegenüber dem General saß der letzte der Truppe - Daniel Hagberg. Er war für die Besorgung der militärischen Mittel zuständig. Ob Panzer oder Mini-Sprengstoff, er konnte ziemlich alles in kürzester Zeit besorgen. Ein smarter Typ der meistens und am liebsten ziemlich locker unterwegs war, sich aber genauso gut in Uniform machte.
"Schönen Abend die Herren" begrüßte der General offiziell die Runde. "Wie ihr ja schon mitbekommen habt, hat sich unser Projekt 'Jordan 2' etwas selbstständig gemacht. Für uns heißt das: Schadensbegrenzung. Wenn davon irgendwas auffliegt könnt ihr, und ein Dutzend andere hochbezahlte Personen, die Koffer packen, und das für immer! Dieser Polizist der sich Jorden zum Schluss angenommen hat, ist wohl tot wie ich gehört habe. Das gilt es aber noch abzuklären. Wir brauchen Tatsachen! Und wir brauchen Namen! Namen von allen, die die Deutschen eingesetzt haben um an Jordan heran zu kommen. Die letzten Informationen hautnah gesammelt hat Dr. Peter Pignatelli und seine Ex-Frau Isabelle Pignatelli an die ich jetzt das Wort gebe!"
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Der Vortragende sah kurz von seinem Manuskript auf und ließ seinen Blick erst über die Gruppe der Seminarteilnehmer schweifen, um dann eine Nanosekunde zu lang bei Professor Hermann zu verweilen, der den Moment nutzte. Kopfschüttelnd stand er auf, bog um sein Pult herum und wandte sich an die Klasse. „Leute! Ich mache das hier nicht zum Spaß oder aus Langeweile: mein Anliegen ist es, euch etwas beizubiegen, euch Handwerkszeug mit auf den Weg zu geben. Macht euere Hausaufgaben und ich trage euch auf Händen: DAS ist mein Deal mit euch – und das wißt ihr seit Beginn der Klasse! Also BITTE gebt euch wenigstens soviel Mühe, daß diese Anschlußfehler auf ein Mindestmaß reduziert sind. Ihr wißt, daß ihr dran seid, ihr wißt, daß ihr alle hier genauso steht wie Peter. Peter hat nun mal das dumme Los der Erste zu sein...“ womit sich Professor Hermann versöhnlich kurz an ihn wandte „... und wird vermutlich überdurchschnittlich oft von mir unterbrochen. Aber das ist zur Veranschaulichung für euch alle: also strengt euch an, zuhause in eurer Dichterklause!“
Ein leicht genervtes Raunen ging durch den Raum, was der Professor smart auszunutzen vermochte „OK, ich werde konkret: zunächst fühle ich mich natürlich geschmeichelt, wenn ihr mein ´alter ego´ mit in eure Handlung einbaut, könnt ihr tun. Aber ihr müßt wissen, daß ihr mich so nicht verletzten könnt, selbst wenn ihr mich zum Glöckner von Notre Dame schreibt – aber das nur nebenbei... Was mir hier jetzt gerade gegen den Strich läuft, sind die Flüchtigkeitsfehler: Isabelle ist in der letzten Seite von der Freundin zur Frau und zur Ex-Frau geworden, was die Frage aufwirft, welcher Leser diese Wandlung noch verstehen soll, wo die Aufmerksamkeit doch klar bei Curtis alias Jordan liegt, von dem wir wissen wollen, welche medizinischen Grausamkeiten an dem armen Mann verbrochen wurden und in was für Schurkenhänden er sich damals befand....
Dessen ungeachtet warne ich euch eindringlich vor dem schnellen Geld mit der schnellen Feder! Diese Groschen Kategorie ist schwieriger als ihr glaubt und man verstolpert sich allzu leicht! Vielleicht bin ich zu ungeduldig, Peter, aber wir hatten gerade einen namenlosen Arzt, der mit Curtis verschwand und einen weiteren Arzt, der sich Dr. Borelli nennt. Dann gibt es einen Mr. Q alias Smith und einen Hagman, oder so; alles Namen, die auf eine weitere Zukunft in der Geschichte schließen lassen. Die muß sich der Leser also merken. Einen namenlosen „General“ aber nicht, von dem nehme ich mal an, daß er keine weitere, tragende Rolle haben wird, denn ich muß mir nur merken, daß es der „General“ ist.
Des weiteren sollen nun die Eheleute Pignatelli die allerletzten Neuigkeiten über den Werdegang von Curtis in die Runde werfen können – ein Ehepaar (oder DOCH nur ein Liebespaar?) deren berufliches Feld die Psychotherapie zu sein scheint und nicht nachrichtendienstlicher Couleur.
Merkt euch ganz einfach: die Aufmerksamkeit des Leser ist wie ein Bach, der ruhig aber stetig in seinem Bettt dahinfließen will. Kommt ein Stein, muß sich der Strom der Aufmerksamkeit spalten, denn sonst kommt er nicht um den Stein herum. Obendrüber kommt es zu Wirbeln, die nach dem Stein zu weiteren Wirbeln führen, was destruktiv für das ruhige, sanfte Dahingleiten im Bachbett ist....“
Mit Zwischenrufen á la „Hört! Hört!“ oder „Wow, der Dichter kommt durch!“ schlenderte der Professor wieder an seinen Platz zurück und machte Peter das Zeichen zum Fortfahren.
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"Der letzte macht das Licht aus" hörte Jordan und es war der erste reale Satz, den er nach der Notoperation wahrnahm. Durch den dicken Kopfverband drang noch kurz ein gedämpfter Lichtstrahl und dann wurde es wieder dunkel um ihn. Der Notfallchirurg streifte sich fröhlich, aber erschöpft die von Jordans Blut überzogenen Gummihandschuhe ab. „Ich denke, den Jungen haben wir über den Berg. Gottseidank haben wir das Gerinnsel rechtzeitig lokalisieren können. Gratuliere, meine Herren Doktoren- das hat sich gelohnt. Für einen Agenten sind derzeit Lösegeldsummen von 30 Millionen Dollar und mehr üblich. Ex-Agenten sind etwa die Hälfte wert. Wär doch ein erheblicher Schaden für die gesamte Truppe gewesen, wenn der Knabe hier ausfällt.“ „Denken sie, die Amnesie, unter der der Patient offensichtlich leidet, wird sich durch die OP verbessern? Agenten mit Gedächtnisverlust haben in der Regel einen niedrigeren Marktpreis als ein paar gebrauchte Unterhosen“ wandte der Anästesist ein. „Was immer die Deutschen mit ihm gemacht haben- der Unfall war ein extremer Glücksfall für uns. Erstens haben wir Curtis wieder und zweitens scheint der jetzige Jordan sich langsam an seine frühere Identität zurückzuerinnern. Morgen früh wissen wir sicher mehr- aber jetzt gehen wir erst mal einen heben. Der Chefarzt spendiert eine Runde deutschen Franzbranntwein.“ Gelächter aus dem Vorraum und Jordan wurde sanft aus dem OP geschoben und wieder schlief er ein.

„Mörsergranatenwerfer! In achthundert Fuß Entfernung voraus elf Uhr.“ Das Anzeigedisplay auf dem Marinelaptop auf dem Rücksitz des Humvee piepste wie verrückt. „Die Jungs haben ihr Ziel soeben anvisiert. Ratet mal, wer’s ist?“ Das „weg hier!“ ging bereits im Knirschen der schweren Reifen auf der improvisierten Straße unter und der Hummer machte einen Satz nach vorne und raste auf die nahgelegene Stadt zu. „Die haben soeben abgefeuert“ brüllte der Sergeant von hinten. „Geschätzte Zeit bis Einschlag zwanzig Sekunden.“ „No prob, das schaffen wir- die Granaten sind nicht mit Wärmedetektoren ausgestattet“ - „Fox Alpha two an UN Einsatzzentrale. Erbitte Luftunterstützung. Zielkoordinaten...“ Curtis gab die Lage des Taliban-Stützpunktes durch, während der Geländewagen in die ersten Häuserschluchten der Randbezirke Kabuls eintauchte. „Aus dem Weg! In Deckung!“ schrie der Sergeant aus dem Fenster den aufgeschreckten Passanten auf der Straße entgegen. „Gleich kracht’s gewaltig!“ Ein schrilles Pfeifen und Curtis konnte einen gewaltigen Feuerball im Rückspiegel aufblitzen sehen. Die Druckwelle, die dann folgte, beschleunigte den schweren Hummer von 60 schlagartig auf 90 Meilen pro Stunde und der Boden schien sich buchstäblich unter den Reifen aufzulösen...
„Guten Morgen, Curtis!“ dröhnte ein bekannte Stimme dumpf durch den Kopfverband in den sich gerade auflösenden Alptraum. „Wenn du wach, bist- wackle mit deiner Großen Zehe!“ lachte Peter die Halbmumie im Krankenhausbett an. „Ohne Verband hast du mir gestern noch viel besser gefallen. Aber der Doc sagte, heute morgen wird er den Verband ein wenig kürzen. Wir wollen doch sehen, wie’s dir geht!“ - „Lssmchinruhearschlch...“ Der Verband war gottseidank sehr fest angezogen- womöglich hätte diese Verbalinjurie Peters sonst so fröhliches Morgengemüt völlig aus der Fassung gebracht.
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Peter ließ ihn erst mal in Ruhe und wird wohl später noch mal einen Versuch wagen. Er machte sich auf den Weg zurück in das Besprechungszimmer aus dem er geholt wurde als Curtis am aufwachen war. Als er in den Raum trat war plötzlich Stille und der General sah ihn nur an. Peter schüttelte den Kopf und meinte nur kurz: "Nichts zu machen, zumindest nicht die nächsten 8 Stunden."
"OK!" meinte der General "die 8 Stunden haben wir aber leider nicht mehr. Wenn wir mit unserer Aktion Erfolg haben wollen dann muss er so schnell wie möglich wieder auf die Straße. Die Deutschen dürfen nicht merken das er bei uns war!" Isabelle sah erst unsicher zu Dr. Borelli rüber und fasste sich dann doch ein Herz etwas dazu zu bemerken obwohl sie nicht befugt war das Projekt in irgendeine Richtung zu lenken. Sie räusperte sich "hmm General Ansell, ich denke das können wir nicht verantworten das wir unseren Patienten jetzt ohne Beobachtung sich selbst überlassen. Das hält er nicht aus". Der General stand auf und stützte sich mit seinen Händen auf den Tisch und sah sie mit geduckten Kopf nach oben an. "Meine liebe Frau Pignatelli, ich weiß das Sie das mit ihrem inneren Drang nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit nicht befürworten können was hier passiert, aber dann hätten Sie nicht zu uns kommen brauchen, das wussten Sie vorher. Genauso wie der ein oder andere weitere hier im Raum" und drehte seine Augen rüber zu Dr. Borelli. "Nachdem das für mich geklärt ist möchte ich in dieser Hinsicht auch nichts weiteres hören oder diskutieren müssen". Er stellt sich jetzt aufrecht hin und fügte hinzu: "Ich möchte das er noch heute Nacht raus kommt. Dr. Pignatelli und Herr Hagberg werden die Geschichte übernehmen und ich bete das die noch nichts mitbekommen haben. Das wars erst mal, wir treffen uns morgen früh um 0900 wieder hier im Raum. Danke meine Dame, meine Herren!". dann schritt er in einem militärischen Stil raus auf den Gang.
Im Raum herrschte noch fast zwei Minuten Stille bevor Daniel Hagberg diese unterbrach. "Tja Mädels, so siehts aus - ich denke keine Zeit verlieren! Peter! Wir sollten dan...". Peter hob die Hände zu einer abwehrenden Geste und unterbrach Daniel erst mal mit einem: "Moment, moment, moment, wir sollten die Einzelheiten noch mal zusammen durchgehen. Ich will nicht das was schief geht bei der Sache und Isabelle hat Recht sich Sorgen um Curtis zu machen. Viel hält der im Moment nicht aus, deshalb will ich das Risiko was seine Gesundheit angeht möglichst gering halten. Also! Wir werden ihn nochmal komplett durchchecken." Er zeigt auf Dr. Borelli als er meinte: "Du Marc, erledigst das mit mir zusammen. Ich möchte sichergehen das und der Junge da draußen nicht verreckt. Dann versuche ich währen der nächsten zwei Stunden irgendwie an ihn ran zu kommen, also an den echten Curtis. Wenn ich das nicht schaffe müssen wir später noch mal Kontakt mit ihm aufnehmen. Und ich weiß nicht ob das möglich sein wird. Spätestens um 0200 muss er in die Nähe der Unfallstelle gebracht werden. Am Besten er kann sich aus eigener Kraft weiter fortbewegen bis zu einer Tankstelle oder so was Ähnlichem. Die Deutschen müssen ihn finden und glauben das wir ihn noch gar nicht zwischen den Fingen hatten. Und ich hoffe sein Hirn macht soweit mit und er erinnert sich daran das er uns kontaktieren muss. Sonst müssen wir ihn leider abschreiben!". sagte er noch halb in den Tisch als zu den anderen. Isabelle klappte ärgerlich ihre Mappe zu und rannte aus dem Raum.

Die ersten Empfindungen die Curtis hatte, waren Kälte, Erde und frische Luft. Seine Hand krallte sich in die Erde während er sich noch in einem Kokon aus Stille, Schwärze und schwachen Erinnerungen befand.
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Curtis sackte wieder zurück in sein morphium-geschwängertes Unbewußtsein und die Schwaden von modrig-nasser Erde schoben die verbleibendenden Reste seines Verstandes in irrationale Traumländereien. Sein Geist war gefangen von moosigen Gerüchen und steinigem Untergrund, der seine Knochen zwischenzeitlich irritierte – doch seine Ganglien waren immer noch fest im Griff der Opiate und Morphine! Es würde eine Weile dauern, bis sich die schädlichen Substanzen aus seinem Organismus ausgeschlichen haben würden...
Der rote Ball der Morgensonne rollte sich gemächlich über die Hügel und brachte zumindest einen leisen Anflug von Wärme in das ausgemergelte Knochengerüst seines Leibes, als Curtis einen weiteren, herben Schlag hinnehmen mußte!
„Hey, Arschloch! Aufstehen!!!“ bellte ein grauer Overall ihn an. Die ersten Sonnenstrahlen brachen sich durch die umstehende Vegetation und Curtis nahm kaum mehr als den Schattenriß einer vermeintlich männlichen Kontur wahr. Er stöhnte.
Im Augenblick von Curtis´ Stöhnen realisierte der Tankwart die augenscheinlichen Verwundungen und Verbände des vermeintlichen Störenfriedes und der Mann wurde Mensch: „Hey! Scheiße, Mann! Was ist DIR denn passiert!!! Glaub´ Du brauchst erst mal nen Kaffee, oder?! Hey, fuck! Kannsde gehn???“ Und schon flog Curtis ein muskulöser Unterarm ins Gegenlicht und er, Curtis, sah sich genötigt, seine allerletzten Kräfte zu mobilisieren, um nur ja einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Wenig später stützte der Tankwart Curtis und die beiden schleppten sich sehr malerisch über den asphaltierten Platz vor der Tankstelle, hin zum Imbiss. Auf der Seite des Tankwarts kamen Worte wie „Oh Mann! Scheiße! Hey, Fuck, hey!“ mal lauter, mal leiser – auf Curtis Seite kamen eher Lautmalereien á la „Hmmm ---- Ouououh! --- Uaaaah! --- Fuck!“ Das Vier Buchstaben Wort verband die beiden ganz gut zu dieser frühen Tageszeit und so war es nicht verwunderlich, daß Curtis ein wenig später einen gut gefüllten Becher Kaffee in Händen hielt und sehr, sehr dankkbar dreinblickte!
Ein MACK Truck rumpelte vorbei, hupte und verschwand. Stille des Morgens. Ein weiterer Truck, ohne Signal. Der gehörte wohl nicht in die Gegend. Egal. Der Kaffee war heiß und gut und stark. Shit! Curtis Glieder schmerzten wie nach einer Woche Workout und seine Wunden pochten. Er blickte auf und den Tankwart an, der ihm geholfen hatte – genauer: das Leben gerettet hatte! Curtis sah sich um. Niemand da, in dem Laden! Er spürte in sich hinein, nahm einen Schluck und stand auf. Er mußte sich bewegen. Die Blicke des Tankwarts und die seinen kreuzten sich in einer Nanosekunde!
„Hey, Du hast mir – glaub´ ich - das Leben gerettet! Danke, Mann!“
„Geht schon in Ordnung – reg´ Dich nicht auf!“ grinste der graue Overall zurück.
Curtis döste stehend durch die große Scheibe des Imbiss, der ganz offensichtlich einer ländlichen Tankstelle angeliedert war. Die Straße führte jenseits der Rastplatzes vorbei und er wartete mit Langmut auf das nächste vorbeikommende Fahrzeug. Aber es blieb still, die beiden Trucks von vorhin waren bislang das Einzige, was Curtis an Autos wahrnahm.
„Wenig los, was?“ fragte er vorsichtig. „Was erwartest Du um diese Zeit?!“ raunte der Overall freundlich zurück, der in der Zwischenzeit ein paar Regale eingeräumt hatte.
„Wart´ mal bis Mittag, dann stellst Du andere Fragen!“ grinste er und zog sich einen weiteren Karton mit Waren heran, den er routiniert öffnete und irgendwelche Schokoriegel einsortierte.
„Hey“ sagte der Overall und stapelte die letzte Portion Riegel ins Regal, während er aufstand „wenn Du mehr Kaffee willst – bedien´ Dich einfach! Sally muß jeden Moment kommen, die wird sich Deine Wunden mal etwas genauer ansehen – sieht schlimm aus, Mann, echt schlimm!“ Er vergrub seine Hände in den Taschen des Overalls und blickte fast schüchtern in Curtis´ Richtung „Sorry – aber wenn ich nur den Anflug von Blut sehe, kippe ich aus den Dock Martin´s! Iss so, kann ich machen, was ich will!“
„Schon OK, danke trotzdem!“ raunte Curtis und setzte sich wieder auf den Barhocker am Tresen. Keine Sekunde später – Curtis hatte sich just mit seiner Situation für´s erste abgefunden – bog ein Wagen in die Auffahrt der Raststätte und parkte. Es dauerte einie Weile bis eine weibliche Gestalt sich dem Imbiss näherte, die Alutüre aufschwang und mit einem „Guten Morgen allerseits!“ den Raum leicht geistig abwesend betrat. Routiniert warf sie ihre Handtasche hinter den Tresen, verschwand hinter den Schwingtüren, die ganz offensichtlich in die Küche führen mußten und kam mit einer Schürze wieder heraus. Immer noch ganz in sich gekehrt band sie sich die Arbeitskleidung um und begann dann erst den Raum für sich optisch zu erobern. Im Off ihrer eigenen Wahrnehmung hörte sie ein bekanntes „Hi Sally!“ während ihre Ganglien die Informationen verwerteten, die ihre eigen Sinnessysteme ihr zuspielten. Sie drehte sich in Richtung „Hi Sally!“ um, nahm den Overall wahr, grüßte ihn ebenfalls mit einem tonlosen „Hi! Mornig!“ und stoppte ganz augenfällig in ihrer Bewegung. Etwas unbekanntes saß da bereits am Tresen: Curtis!
Curtis hatte jede ihrer Gesten beobachtet und wartete, was da so kommen mochte. Er war gespannt, gleichzeitig gereizt und müde, ausgelaugt und taub, stinkesauer und gleichzeitig bereit, für ein bischen Wärme viel zu verzeihen. Er brauchte noch ein Klitzekleines Bischen und dann war klar: Sally war Kessy oder Kelly oder wie auch immer – mal sehen, wie lange es dauert, bis sie drauf kommt!
Sally nahm ihren neuen Gast wahr und ging sofort auf den Overall los „Verdammt, Jack! Was bitte soll DAS!!!“ keifte sie ihn an. „911 ist wirklich nicht schwer zu merken, aber DU mußt natürlich auf mich warten! Was ist nur mit Dir los????“
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Curtis alias Jordan hatte ihre Stimme natürlich längst erkannt, musste aber bei einem kurzen Blick in den Jack Daniels Spiegel neben dem Bistrotisch zugeben, dass sie ihn in dem Aufzug mit dem rotgefleckten Krankenhausturban beim besten Willen nicht als das Wesen erkennen konnte, dass noch kurz zuvor ein Bett mit ihr geteilt hatte. Er entschloss sich, trotz aller widersprüchlichen Gefühle, ein kleines Spiel zu spielen und nuschelte mit gesenktem Kopf und verstellter Stimme in seine Kaffeetasse: „Mamsahib verzeihen meinen Aufzug, aber ich hatte heute Nacht einen Unfall mit meinem Eselskarren und seitdem höre ich ständig indische Tablas in meinem nichtswürdigen Kopf. Wo ist mein Weidenkorb mit das Cobrrra?“
Kessy starrte sie Silhouette des Fremden eine Weile lang mit offenem Mund an und ließ dann laut kreischend vor Gelächter den Hörer des Telefons fallen. „Jordan? Ich glaub’ es nicht“ und mit einem Satz klebte sie dem Neuinder an der Backe. „Nicht schütteln, Mam- ich sie nicht kennen und dort wo ich herkomme, ist küssen von fremden Mann in Öffentlichkeit nicht statthaft.“ – „Schon gut Jordan, jetzt hör auf mit den Mätzchen. Mann, wo warst Du denn die ganze Zeit?“ Bevor er irgendetwas antworten konnte, rief Jack von der Kasse herüber. „Sally, du hast sie doch wohl nicht alle? Lass’ den Mann in Ruhe und hilf mir mal hier beim Einsortieren. Gleich kommt der Schulbus vorbei- wir sollten in Stellung gehen.“ Kaum hatte Jack den letzten leeren Karton im Nebenraum verstaut, konnte man die Bremsen des vorgefahrenen gelben Ungetüms zwischen den Zapfsäulen pfeifen hören. Wenige Sekunden später war der Verkaufsraum in ein ohrenbetäubendes Kreischen und Johlen getaucht- hunderte dicklicher kleiner Kinderfinger grabschten sich in Windeseile alles, was ungesund und schokoladenüberzogen war. „Sally, behalte du die Gruppe um das kleine Walross hier vorne im Auge. Dass mir heute keiner rausgeht, ohne zu bezahlen!“ Die Würstchenfinger hielten von allen Seiten Jack Kleingeld unter die Nase, das er hastig einsammelte, nicht ohne seine Stammkunden noch einmal gründlich zu inspizieren. Eure Schulsandwiches legt ihr bitte wie immer in den Alucontainer beim Eingang!“ Einen Augenblick später war der Spuk vorüber und die kleinen Wanderheuschrecken hatten sich in den Bus zurückgezogen, der sich mit einem lauten HONK wieder auf die Straße zurückzog. „Ein kleiner Deal, verstehst Du?“meinte Jack zu Curtis, der fassungslos auf den kleinen Schulbrotberg am Eingang starrte.

„Der Fahrer des Busses ist mein Freund Harry" klärte ihn Jack auf, nachdem er die eingesammelten Münzen in der Kasse sortiert hatte- "Die kleinen Nervensägen haben ihn jahrelang mit ihrem Gekreische an den Rand des Wahnsinns getrieben, bis er eines Tages feststellte, dass 98 Prozent der Kinder mit ihrer ernährungstechnischen Gesamtsituation mehr als unzufrieden waren. Wie er im Rückspiegel erkannte, zeigten sich die Kinder unter infernalischem Gebrüll mit angewiderten Gesichtern die Inhalte ihrer Tupperwaredosen. Nachdem er seine lärmende Fracht am Schultor abgegeben hatte, musste Harry nicht selten die Karotten und Selleriestangen aus den Sitzritzen herausfischen. Am nächsten Morgen hatte er seinen Plan ausgeheckt und gab über den Innenlautsprecher bekannt, dass er in Zukunft bereit sei, einen kleinen Zwischenstop bei meiner Tankstelle einzulegen, um etwas Abwechslung in den Speiseplan seiner Passagiere zu bringen. Er stelle allerdings zur Bedingung, dass ab sofort Grabesstille während der Fahrt bis zum Erreichen des Fahrziels eingehalten wird. Der Deal mit den kids läuft jetzt seit einem halben Jahr und was soll’s- alle sind glücklich und zufrieden. Übrigens: achte mal drauf, was nachher mit den Schulbroten passiert- das System ist nahezu perfekt und Harry wirkt seitdem sehr viel ausgeglichener...“
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Was Curtis in dem Augenblick noch nicht ahnte ist, das er keine Gelegenheit mehr haben wird, rauszufinden was mit den Schulbroten passieren wird. Ihm wird mulmig und das Bild verschwamm vor seinen Augen. Er schüttelte kurz den Kopf um zu merken das es eine schlechte Idee war. Bevor Jack etwas merkte murmelte er ihm im gehen ein kurzes "tschuldige" zu und noch was, was sich anhörte wie "Toilette". Um den Tresen rum in einen Gang eingebogen wurde es schwarz vor seinen Augen und er musste sich abstützen um noch in den weiß gekachelten Raum zu gelangen. Er wankte auf eine Kabine zu, setze sich auf die Keramik, knallte die Türe zu und schloss sich ein. Er sackte zusammen und hielt sich den Kopf der sich anfühlte als wenn er gleich platzen würde. Ein kräftige Pochen kam dazu und ihm wurde schon wieder schwarz vor den Augen.

Kessy konnte es nicht glauben das der Zufall ihn tatsächlich hierher getrieben hatte. Seit das Durcheinender passiert ist, in dem Willie umkam konnte ihn niemand mehr entdecken. Sie vermuteten ihn schon an die Amis verloren. Aber wenn er jetzt schon wieder hier auftauchte, konnte gut sein das die ihn noch gar nicht zwischen den Fingern hatten.

Curtis bekam wieder etwas Licht in die Augen und erste Gedanken zischten durch seine Gehirnwindungen. Er wusste nicht wie lange er weg war. War er bewusstlos oder war es nur ein Sekundenschlaf? Sein Kreislauf schien wieder soweit in Ordnung zu sein das er sich unter Leute trauen konnte und er versuchte aufzustehen. Die ersten Testschritte aus dem Klo Richtung Waschbecken liefen ausgezeichnet. Erst mal Wasser ins Gesicht und langsam aufschauen und versuchen das Spiegelbild zu erkennen. Auch das ging soweit und er machte sich auf in die feindliche Welt. Als er den Gang in den Verkaufsraum schritt bemerkte er plötzlich seine erweiterte Beobachtungsgabe. Nichts was sich nur annähernd in seinem Gesichtsfeld befand, entging ihm. Zu seinem eigenen Erstaunen konnte er aus seiner Erinnerung und von dem was er bis jetzt so sah, sofort drei Fluchtmöglichkeiten erkennen.
Er kam gar nicht weiter dazu sich zu wundern oder etwas zu analysieren denn in dem Moment kam er wieder in den Gastraum und spulte ein Programm ab. Lächeln, an den Tresen setzen und ein "Alles klar" an Jack geraunt. Er versuchte an der Reaktion von Jack raus zu bekommen ob er sehr lang weg war, aber es scheint noch im Rahmen gewesen zu sein. Im Augenwinkel sah er Kessy noch das Handy einstecken. Er wusste nicht mehr genau wer er war und was sein Auftrag war aber sein Agentengehirn lief wieder auf Hochtouren. Und dieses Agentengehirn konnte sich verdammt gut vorstellen was als nächstes passieren wird. Er ging blitzschnell noch mal seine Fluchtmöglichkeiten durch und wirkte trotz der inneren Anspannung ziemlich gelassen als er so am Tresen hang und den zweiten Kaffee schlürfte.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Draußen kam ein schwarzer Chevy Blazer mit einer Vollbremsung zum stehen. Beim Umdrehen bemerkte er noch Kessy als sie mit dem Finger auf ihn zeigte. Er rannte er zur Seitentür und musste einfach davon ausgehen das der Schlüssel für die Enduro, die er durch die Glastür entdeckt hatte, steckte, und das Ding auch lief. Er hatte Glück, dachte er sich, als er bereits auf dem Bock saß und mit durchdrehenden Reifen versuchte festen Teer unter die selben zu bringen. Die Schüsse die er noch wahrnahm, sagten ihm, das er bereits außer Reichweite war. Aber das musste er auch bleiben. Er schoss den Highway runter mit allem was das windige Ding hergab.
Jetzt schnell einen Plan, das Benzin reichte nicht um das Szenario über eine weitere Strecke aufrecht zu erhalten. Dann holte er den Schulbus ein, versuchte auf Höhe der Vordertür zu kommen um dem Busfahrer Bescheid zu geben das er die Tür aufmachen sollte. Nach kurzem Gestikulieren schwang die Tür tatsächlich auf. Er griff nach den Rahmen und hüpfte so auf das untere Trittbrett das die Enduro von allein einigermaßen stabil weiterfuhr. Als er in Sicherheit war, gab er dem Moped einen kleinen Tritt damit sie nicht mit dem Bus zusammenstoßen würde sondern rechts weg in die Pampa fuhr und am nächsten Felsen zerschellte. Jetzt versuchte er dem Busfahrer klar zu machen das er ihn nicht gesehen hätte und verschwand dann zwischen den Schülern irgendwo in einer Sitzreihe und duckte sich.
Ihm wurde klar das die relativ schnell dahinterkommen was hier vor sich ging, aber nachdem er den V8 des Chevys vorbeirauschen hörte, hatte er zumindest ein paar Minuten gewonnen.
...

Harry, der Busfahrer, war nun etwas nervös und sah sichtlich öfter in seinen Rückspiegel, um zu beobachten, was Curtis denn nun so vorhatte. Die kreischenden Schulmädchen holten einen Moment lang Luft, während die Jungs das alles ganz irre cool fanden. Allen war klar, daß sie für den Augenblick mitten drin steckten, in dieser abenteuerlichen Geschichte. Manche verhielten sich ängstlich und schweigsam, andere tuschelten und diejenigen, die Curtis am nächsten saßen, löcherten ihn schon mit Fragen. „Hey, sind Sie ein echter Verbrecher?“ „Müssen wir heute nicht zur Schule, wegen Ihnen, Sir?“ „Werden wir jetzt alle verfolgt?“ Einige dieser kleinen Quälgeister hatten noch reichlich Schokolade an den Mundwinkeln, die von den Riegeln herrührten, die sie gerade an der Tankstelle erbeutet hatten. Curtis rappelte sich auf und bewegte sich in Richtung Harry.
Sein Kopf pochte wieder und er machte sich so seine Gedanken. Ein Scheißgefühl war das: er wußte, daß etwas passiert war mit ihm, aber er konnte sich noch keinen Reim darauf machen. Er war geschwächt doch durfte sich keinesfalls eine Schwäche erlauben – nicht einmal in einem kleinstädtischen Schulbus voller Kids. Also mußte er improvisieren. Er robbte weiter ganz nach vorne, setzte sich auf die Trittstufen und wandte sich an Harry. „Hey, danke für den Lift zunächst mal!“ er grinste ihn freundschaftlich an und erntete ein wohlwollendes aber eingeschüchtertes Lächeln. „Schon OK!“ kam es zaghaft von Harry zurück. Curtis räusperte sich und hob erneut an. „Sag´ mal, kann ich mal Dein Mirkro haben, damit die Kleinen hier wenigstens eine schöne Geschichte hören und Du Deine Ruhe hast?“
Harry sah kurz auf sein Armaturenbrett, erkannte die Lage und reagierte schnell „Wow, klar, da sind die Gören vielleicht mal ne Runde abgelenkt...“ er angelte das Mikro und streckte es Curtis hin. Der räusperte sich noch einmal und legte ganz locker los.
„Guten Morgen im 47er, der euch zur Schule bringt! Hier ist euer Überraschungsgast, der gerade zugestiegen ist und sein Moped in den Straßenrand geschubst hat! Die kreischenden Mädels auf den hinteren Sitzen und den vor Angst pupsenden Buben auf den vorderen Sitzen....“ lautes Gelächter „... möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich mitteilen: Es besteht KEIN ANLASS ZUR BEUNRUHIGUNG! Es gibt also keinen Grund weder zu Kreischen (Gelächter der Buben!) noch zu Pupsen (Gelächter der Mädchen). Und auch für unseren geschätzten und äußerst zuverlässigen Harry gibt es keinen Grund zur Sorge! Nehmt euch ein Beispiel an Harry, der einem verzweifelten Motorradfahrer seine Türen geöffnet hat und ihm somit sein lausiges Leben gerettet hat! Los, Kinder, klatscht mal ne Runde Applaus für unseren Harry!“ Ein zaghaftes Geklatsche verstummte gleich wieder. Curtis hob erneut an und redete sich sichtlich in seine ganz eigene „Mornig Show“ hinein. „Hey, was war DAS denn! Keine Dankbarkeit? So einen lausigen Applaus habe ich ja noch nie gehört – los, das könnt ihr aber besser: Nochmal!“ Das Ergebnis war etwas besser, aber immer noch sehr dürftig. „OK, wenn ihr das nicht anders haben wollt: ich lege das Mikro jetzt wieder zur Seite und ab morgen ist Essig mit eurer Schoko-Räuber-Tour zur Tankstelle. Dann macht Harry wieder Dienst nach Vorschrift und ihr müßt wieder Möhren nagen!“ Curtis zwinkerte Harry zu, der sich ebenfalls das Grinsen kaum verkneifen konnte. Im Nu waren die Kinder auf Trab, alle brüllten „Nein! Nein! Nein!“
Curtis nahm das Mikro wieder und ermuntere sie „Na: dann will ich aber Klatschen hören, aber ein Klatschen wie beim Baseball, beim SUPER BOWL!!!!!“ Und tatsächlich Curtis und Harry konnten sich eines schönen, Kleinkinderapplauses erfreuen und fuhren geradewegs in einen wunderbaren, sonnigen Tag in Kalifornien. Harry parkte den Bus vor der Schule und die Druckluftöffner Türen zischten müde. Die Kinder nahmen ihre Schultaschen und trabten hinaus ins Freie, manche fragten Curtis noch „Bist Du morgen wieder da?“ Curtis zuckte nur mit seinen Schultern. Dann war auch der letzte Trödler aus dem Bus hinaus auf den Schulhof gelaufen und Curtis war mit Harry allein im Bus. Sie nickten sich beide zaghaft und anerkennend an. Ja, aus so einem Tag konnte noch ´was werden...
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Curtis sah sich um im Morgenlicht, blinzelte kurz in die Sonne und das seltsame Pochen in seinem Kopf meldete sich wieder. Er beschloss, sich deswegen besser umgehend in professionelle Hände zu begeben und steuerte das nächste öffentliche Telefon an, um die ortsansässigen Ärzte aus dem Branchenbuch herauszusuchen. Er hatte Glück und stieß auf die Großanzeige einer Gehirn- und Neurochirurgischen Praxis und ein kurzes Telefonat mit der Rezeption brachte Klarheit darüber, dass Dr. Carpov der richtige Mann für das Sägewerk unter seinem Kopfverband war. Der Wegbeschreibung nach konnte er die große Praxis nicht verfehlen, wenn er ein paar Blocks auf der Hauptstraße Richtung in Richtung Norden weiterging. In der Nähe der Schule befanden sich einige spätviktorianische Prachtbauten, die offensichtlich den wohlhabenderen Landeigentümern und Waldbesitzern weiter oben Richtung Eureka vorbehalten waren, die ihre Wochenenden gerne hier verbrachten. Auf der anderen Straßenseite zogen der Reihe nach ein Souvenirshop, ein Hardware Store, ein verwitterter Barber Shop, ein kleines Hotel und das Post Office vorüber, als er sich schließlich vor den weißen Lettern auf einem bonbonrosa getünchten Steingebäude mit der Aufschrift
PRIVATE SURGERY AMBULANCE
DR. CARPOV-PROF. SPRINGSTEEN
wiederfand.
Das Wartezimmer war gemütlich in dunklem Holz eingerichtet, auf der Wand prangten einige Urkunden und Zertifikate, die wohl die Handvoll wartender Patienten einerseits beeindrucken und andererseits beruhigen sollten. Nachdem die dunkelhäutige Schwester mit einem seltsamen Muttermal auf dem einen Nasenflügel am Tresen alles entgegengenommen hatte, was Curtis zu seiner Legitimation beizutragen hatte, wurde er erstaunlicherweise sofort aufgerufen. Im Wartezimmer saßen zwar ein paar Patienten, die er passierte, als ihm aus der Tür zum Behandlungraum ein mächtiger Mann mit einer schlohweißen Mähne, die ihm bis zu den Taschen seines Kittels reichte, entgegenschnaufte. "Besuch aus Indien! Das haben wir in diesen Breiten nicht sehr oft- kommen sie herein, junger Mann! Mein Name ist Dr. Sibelius Carpov- oh Mrs. Miller- keine Sorge- sie sind gleich als nächstes dran" und schon schoss Curtis eine für den großen Mann erstaunlich grazile, feingliedrige Hand entgegen. "Erzählen sie mir, was ich für sie tun kann" polterte Carpov, während er die Türe zum Behandlungsraum schloss. "Lassen Sie mich raten- sie haben ein Problem mit ihrem Ischiasnerv" und setzte sich kichernd in den gewaltigen Ohrensessel am anderen Ende des ausladenden Schreibtisches. Der große bleiche Schädel neben dem PC und die herausgerissen wirkende Wirbelsäulenattrappe, die ihm offensichtlich als Kugelschreiberuntensilo diente, wirkten etwas befremdlich auf Curtis, jedoch das offene Gesicht seines Gegenübers war vertrauensseelig genug, dass er sich sagen hörte: "Doc- sie müssen mir helfen. Ich kann es ihnen beim besten Willen nicht erklären, aber ich habe das Gefühl, jemand hat sich an meinem Schädel zu schaffen gemacht. Verstehen sie- kein Unfall. Sie müssen herausfinden, was es ist!"- Nach einer kurzen Pause, die der massige Arzt nutzte, um sein Gegenüber genau zu mustern, meinte er: "Nun, bei mir waren sie offensichtlich nicht- wir verwenden besseres Verbandsmaterial" Wieder lachte er über seinen eigenen Witz und bat Curtis, sich auf die Bahandlungsliege zu setzen, über der eine ufoähnliche Leuchte von der Decke baumelte. "Na, dann lassen sie uns doch mal sehen, was an ihrer Geschichte so dran ist", murmelte Carpov, während er die schmuddeligen Mullbinden vorsichtig abwickelte. "Sie sind also Opfer einer Verschwörung und können sich an nichts erinnern? Ach du Sch..." Hätte der Doktor nicht das merlinhafte Haar gehabt, wäre es ihm sicher zu Berge gestanden- zumindest dem Gesichtsausdruck nach. "Ich glaube es nicht- ein klassischer Äquatorschnitt! Einmal rundrum. Sind sie sicher, dass sie noch immer da drin wohnen?" und klopfte dabei leicht auf den Haarbüschel, der sich aus der unfreiwilligen Tonsur vom Nordpol seines Kopfes erhob.
..

Curtis sagte nichts dazu. Dafür wurde ein mulmiges Gefühl immer stärker. "Tja, Junge, auf die schnelle lässt sich da nichts sagen, da brauchen wir länger angelegte Untersuchungen und so wie das hier aussieht sollten wir seeehr vorsichtig vorgehen. Ich schlage vor, Sie lassen sich gleich einweisen und ich kümmere mich dann später um Sie." Curtis versuchte unbeholfen den Verband wieder anzulegen und meinte schnell im aufsitzen: " Danke Doc, aber das kann ich nicht riskieren. Irgendjemand ist hinter mir her und ich denke das es meiner Gesundheit nicht zuträglich ist wenn mich die hier finden. Ich glaube nicht das die mich zum Abendessen einladen werden wenn sie mich gefunden haben."
Dr. Carpov legte den Verband selbst an als er die vergeblichen Bewegungen von Curtis sah: "Na gut, wie Sie meinen. Aber wenn Sie raus finden wollen was los ist, bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich schreibe Ihnen hier meine Handynummer auf, sie rufen mich heute Abend um 21 Uhr an und wir treffen uns hinten im Hof. Der Fall interessiert mich nämlich persönlich. Aber bringen Sie mir keine ungebetenen Gäste mit!" lachte er wieder und entließ Curtis aus der kleinen Klinik.

Curtis blinzelte in die Sonne und versuchte erst mal einen Zugang zu dem genannten Hof zu finden um am Abend nicht suchen zu müssen. Er wandte sich nach links und nach ca. 20 Metern ging eine kleine Einfahrt in den hinteren Bereich und den Hof der Klinik. In dem Moment hörte er hinter sich Reifen quietschen und bemerkte nach einem kurzen Blick über die Schulter das ein schwarzer Geländewagen um die Kurve schoss. Ihm war klar das die ihn meinten und rannte sofort in die Einfahrt. Er bemerkte das der Komplex gar nicht so klein war wie er von vorne aussah. Am Gebäude vorbei ging es weiter über einen kleinen Weg der zum nächsten Anwesen gehörte und plötzlich stand er wieder auf einer Straße. Er wandte sich nach rechts traf auf eine Kreuzung 1Ave und Dixie Street. Mist, vom Telefonbuch wusste er zwar das er in Rio Dell war, hatte aber keine Ahnung wo das genau lag. Er musste sich jetzt irgendwie unsichtbar machen. Plötzlich die Erinnerung an die Läden die es noch in der Wildwood Ave gab. Er bog rechts in die Dixie Street ein Richtung Hauptstrasse ein und rannte dann links wieder die Wildwood Ave entlang. Noch ungefähr 50 Meter musste er schaffen ohne das der schwarze Blazer um die Ecke kam, noch 20, noch 10. Er rannte fast die Tür ein, veruchte im Laufen einen Überblick der Lage im Laden zu bekommen, sprang dem erstaunten Verkäufer fast auf den Tresen, nahm mit der linken Hand seinen Hemdkragen und drückte ihn auf die Vitrine unter der sich die exklusiveren Waffen befanden: "OK, jetzt ganz leise, dann passiert Dir nichts". Er hielt kurz inne und bemerkte das der Blazer draußen an dem Laden vorbei schoss und gleichzeitig das er im richtigen Laden war.

Ein Blick vorbei an dem Verkäufer den er immer noch mit dem Gesicht auf den Tresen drückte, ließ ihn genau das finden was er jetzt brauchte. Unter dem Glas lag eine Glock 39. Er wusste die Waffe damals in Afghanistan sehr zu schätzen. Das war österreichische Wertarbeit auf die man sich verlassen konnte. Er nahm sich rechts einen Alu-Baseballschläger vom Haken und schlug damit den Glastresen ein, nahm sich die Glock raus und steckte sich die Waffe in den Hosenbund. Er schnappte sich den Basballschläger wieder, ließ den immer noch verdutzen Verkäufer los und bestellte die Munition dazu. Der ging kein Risiko ein und schob zwei Schachteln des 45er Kalibers über den noch intakten Teil des Tresens. Curtis lud die Waffe und fragte nur: "Hinterausgang?". Der Verkäufer nickte und winkte ihn mit einer Kopfbewegung in eine Richtung in der sich ein Vorhang befand. "Danke!" raunte er noch und rannte los.
...

Noch in der rennenden Bewegung pochten mehrere Ursachen in seinem Kopf: die erste schob Curtis auf das vermeintliche Implantat, die zweite auf sein Zeitfenster, die dritte auf den gerade wieder verlassenen Laden und die vierte Ursache focussierte seinen Allgemeinzustand. Er hielt inne und lief zurück an die Hintertür, deren Fliegengitter noch leicht in den Angeln schaukelte. Quer durch den Laden, im Gegenlicht sah er den Verkäufer, wie er sich am Telefon zu schaffen machte, was Curtis nicht wirklich zu behagen schien. Er öffnete das Fliegengitter, klopfte mit dem Lauf seiner Glock an den Türrahmen und pfiff ganz leise in den Laden hinein – der Verkäufer fuhr erschrocken herum und grinste verlegen.
„Tststs – wer wird denn gleich Mami anrufen wollen?! War´s denn SO schlimm???“ Curtis kam näher auf den Verkäufer zu, der sich versuchte sehr zaghaft in Deckung zu bringen. „Hey, Hey, Hey!“ beruhigte ihn Curtis „Wer wird denn gleich den Faden verlieren?“ Der Verkäufer sah betreten gen Boden und wußte weder ein noch aus. „Hör´ mal, wir zwei beiden machen das jetzt ganz schön gemütlich und so hat keiner Schwierigkeiten – was sagst Du, ist das ein Angebot?“ Wieder bekam Curtis ein dämliches, unsicheres Grienen entgegen. „OK! Ich seh´ ja ein, daß ich etwas unwirsch habe anschreiben lassen und das wollen wir auch nicht vergegessen! So weit klar!“ Er bewegte sich weiter auf den Verkäufer zu, der wieder irgendwelche Anstalten machte, zurückzuweichen. Daraufhin schlug Curtis mit der flachen Hand auf den Glastresen. „Hör´ mal zu!“ Curtis Augen blitzten ihn an „Ich habe keinerlei Bedürfnisse hier unnötig Blut fließen zu sehen, ich bin in einer gewissen, nunja: NOTLAGE – wenn Du verstehst, was ich meine!“
Der Verkäufer nahm sich nun etwas zusammen und nickte zustimmend, was Curtis Mut machte „Na bitte, geht doch. Paß´ auf: Vorschlag meinerseits: Du verschaffst mir die nötige Deckung, die ich bis 9 Uhr brauche und ich sehe zu, daß der Schaden hier auf Staatskosten geregelt wird und Du so außer ein bischen Adrenalin keinen weiteren Streß hast – was sagst Du, ist das ein Angebot?“ Der Verkäufer nickte zaghaft und seine Hose färbte sich im Schritt etwas dunkler. Curtis bemerkte das auch und ging das peinliche Thema taktisch an. „OK, guter Hinweis: die Kleidung! Was wir brauchen sind neue Klamotten, kein Thema, ist ja der richtige Laden dafür oder? Wie war Dein Name gleich wieder?“ Curtis sah den Verkäufer mit freundlichen Augen an, der ihn auch wieder anlächelte und ein zaghaftes „Ähm: Don, ich heiße Don, Sir!“ stammelte. „Fein Don!, Ich bin Jordan!“ Curtis reichte Don seine Hand hin und hoffte auf einen entsprechenden Gruß, aber auf Don´s Seite gab´s erstmal nur ein „Hi!“. Curtis zog seine Hand zurück, seufzte und ging etwas auf Distanz. „Don, wir brauchen eine neue Hose für Dich und einen Hut, oder Mütze oder so für mich, um meinen Verband zu tarnen. Eine Jacke oder so wäre auch nicht schlecht.Außerdem vielleicht einen Pizzadienst, der hier ohne große Fragen mal zwei Pizzen und zwei Bier ablädt – was sagst Du, Don, bekommst DU das hin?“ Don nickte bereitwillig. „Also los, Donieboy, die Zeit läuft! Ach, da wäre noch etwas, nachdem wir etwas Zeit hier miteinander verbringen werden: kann sein, daß ein schwarzer Blazer hier vorfährt und etwas Ärger macht, die haben´s auf mich abgesehen – wäre schön, wenn Dein junges Leben nicht gerade heute ein jähes Ende finden würde! Meinst Du wir schaffen das?“ Curtis griente ihn lausbubenhaft an und erntete ein „Pfffffft!“ von Don, der sich in Richtung Telefon aufmachte. „Hey! Wo willst Du hin???“ kam es von Curtis „Ja Goddamn`! Willst Du nun Pizza oder was???“ kam es von Don zurück. „Na, das geht ja schnell – is schon OK!“
Don riß den Zettel des Pizza-Service vom Pinboard und tippte die Nummer ein. Ein Weilchen später diktierte er souverän „Zwei mal Regina und zwei Miller light auf den Gun-Shop 49 – geht das klar? Danke! Jaaaa, in 15 Minuten!“

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Die Minuten vergingen wie eine halbe Ewigkeit. Curtis bekam langsam Augenkrämpfe, da er einerseits die Straße durch die Schaufensterscheibe im Auge behalten und gleichzeitig Don auf der anderen Seite des Ladens nicht auf weitere dumme Ideen kommen sehen wollte. „Denk nicht einmal daran, etwa die abgeschnittene Schrotflinte aus dem Tresen zu ziehen. Wie wär’s, wenn du dir die Wartezeit mit dem Brauen eines nachtschwarzen Kaffees versüßt?“ Don war gerade dabei, mit ebenso bittersüßer Miene in das Kabuff zu verschwinden, das Curtis vorher gründlich nach weiteren versteckten Feuerwaffen inspiziert hatte, als der schwarze Chevy plötzlich das Schaufenster formatfüllend verdunkelte. „Die haben mich entdeckt! Jetzt steigt hier gleich eine Party. Also Don, entweder du machst mit oder du wirfst mir die Schlüssel für die restlichen Schätze in der Vitrine zu. Ich führe nämlich gerne beim Tanzen“, brüllte Curtis dem Verkäufer zu, als auch schon die ersten Salven aus den automatischen Waffen, die ihnen aus den Seitenfenstern entgegen bleckten, losgelassen wurden. Curtis ging in Deckung hinter einem Ladendisplay, entsicherte seine gerade erstandene Glock und erwartete den üblichen Scherbenregen, wenn eine große Scheibe dem punktuellen Druck von schallschnellen Mantelgeschossen nachgab. Zu seiner Überraschung hörte er nur den unerträglich lauten Trommelwirbel, den der Kugelhagel darauf veranstaltete.

Als der Schmauch sich verzog, konnte Curtis nicht einmal einen Sprung in der Scheibe ausmachen. „Na, wer hat jetzt die besseren Karten“ brüllte Don zurück- immer noch halb taub und nach draußen zeigend. „Und jetzt, du Supernummer, zeig’ ich dir mal was echt Cooles!...“ Don begab sich mit einer bemerkenswerten Seelenruhe zum Tresen und zauberte eine ölblitzende Kalaschnikow hervor. Eine weitere Salve aus dem Chevy. „Du brauchst Hilfe und ich habe auf diesen Moment weiß Gott wie lange gewartet. Also was ist, soll ich mittanzen?“ Curtis hatte keine Zeit für Argwohn, die finsteren Typen machten soeben Anstalten, sich aus dem Chevy zu schälen. Im nächsten Moment riss Don die Bleispritze in die Höhe. „Halt, willst du uns umbring...“- Don hatte bereits den Abzug betätigt und eine Salve sich in Richtung Schaufenster und Chevy verabschiedet. Curtis konnte nur noch sehen, dass die Scheibe sofort zu Bruch ging und die Kühlerhaube des Chevys mit einer Reihe von aufplatzenden Pockennarben versehen wurde. Was die Glasscherben mit den Typen in vorderen Reihe anstellten, war nichts im Vergleich zu den überraschten Gangstern, die sich noch in der Nähe des Wagens befanden. Es bedurfte keiner weiteren Aktion Dons. Die Gegner sanken allesamt in einem perfekten Sychronbalett in den Staub und es kehrte Stille ein.

„Mann- was hast du denn gedacht. Das hier ist ein WAFFENGESCHÄFT. Nach dem fünften Einbruch im letzten Jahr hätte mich die Versicherung rausgeschmissen. Doch dann habe ich von den einseitig gepanzerten Scheiben gehört. Nichts kommt rein aber viel kommt raus, wenn man will. Ich würde sagen, Test bestanden. So und du, lieber Curtis, machst jetzt besser die Fliege, denn ich denke, in zwei Minuten wird hier der Sheriff zeitgleich mit der Pizza eintreffen, wenn ich richtig gerechnet habe.“ – „ Schau, schau. Ich glaube, ich habe dich gründlich unterschätzt, Don. Wie kann ich mich erkenntlich zeigen?“ Don winkte nur ab, zog sein T-Shirt am malträtierten Kragen etwas herunter und offenbarte eine Army-Plakette, die ihn als Ex-Marine auswies. „Mann, ist schon o.k. Das war mir der Spaß wert. Einbrecher auf frischer Tat erwischt und Ende der Durchsage. Ich will gar nicht wissen, was die Typen von dir wollten, aber wenn du wieder mal Hilfe brauchst- du weißt ja, wo du mich findest.“ Den letzten Satz hörte Curtis nur noch halb, als er schon aus der Hintertür des Ladens flüchtete. Don blieb zurück und streichelte die immer noch rauchende Kalaschnikow auf seinem Unterarm wie ein stolzer Vater sein erstgeborenes Kind.
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Curtis konnte wohl nicht genug bekommen von dem Laden, 10 Sekunden später stand er schon wieder in dem Raum. Er rannte durch in Richtung Eingangstür, nicht ohne Don noch mal ein "Danke, Kumpel" zuzuraunen. Draußen angekommen schwang er sich in den Chevi bei dem die Tür noch offen stand. Da der Motor noch lief schien nichts wichtiges getroffen worden zu sein. Ohne Rücksicht auf die leblosen Körper um den Wagen oder offene Türen, trat er das Gaspedal durch und schlingerte los die Hauptstraße runter. Als auf die 101er traf entschied er sich Richtung Süden. Warum wusste er nicht, aber er hatte so ein Gefühl das es in der Richtung irgendwo Antworten geben könnte. Am Besten, dachte er, versucht er Peter zu finden um mehr Licht in die Angelegenheit zu bringen.

Etwas weiter südlich in Willits:
Inzwischen wurde es langsam dunkel. In einem unauffälligen Bau in der W Commercial Street flackerten im gesamten zweiten Stock die Neonlampen an. Und wenn man sich im Gebäude gegenüber befunden hätte, hätte man beobachten können wie eine Frau mit Klemmbrett unterm Arm und ein Mann in Anzug auf dem Weg waren in ein größeres Büro auf der linken Seite des Gebäudes. Im Büro wartete bereits Reiner Metzer auf seine beiden Mitarbeiter. Als die Beiden zur Tür rein kamen schlug Metzer mit der Faust auf den Tisch: "Das gibt´s doch nicht" schrie er fast. "Wir erhalten den einfachen Auftrag eine Person zu finden und irgendwie in einem Flieger nach Deutschland zu bringen. Und was passiert - er entwischt uns zum dritten Mal. Es gab bereits Tote, dann ballern die Kerle unsere Zielperson fast über den Haufen und jetzt sind die Kerle auch noch selbst tot. Drei gute Mitarbeiter - wie KANN SOWAS PASSIEREN?! Ist das denn so schwer? Ich würde hier gerne weiter ruhig meinen Dienst verrichten." Als erstes ergriff die Frau das Wort. Ihr Name war Christine Hüppe und war jetzt schon seit fünf Jahren hier für den BND tätig. "Mein Gott Reiner, ich konnte doch auch nicht wissen wie das ausartet. Als ich mich auf seine Motorhaube schmiss, dachte ich das Ding ist in drei Tagen erledigt. Wenn wir auch nicht mehr Hinweise haben, können wir uns eben nicht auf ihn einstellen. Du weißt doch sicher mehr über den Typen und weihst uns nicht ein." jetzt wurde ihre Stimme fast ärgerlich: " Solange Du das nicht umfassend machst, kommen wir leider nicht weiter!". Sie drehte sich Richtung Tür. Während der Bewegung konnte man das Neonlicht kurz in ihrem Glasauge blitzen sehen. Christine ging mit festem Schritt aus dem Büro und ließ ihren Kollegen, der dem nichts mehr hinzuzufügen hatte, und ihren Vorgesetzten alleine im Büro zurück.
Entschlossen setzte sie sich vor ihren Laptop und versuchte mehr Informationen über Jordan raus zu finden. Zumindest muss es weitere BND Mitarbeiter geben die damals mit ihm zu tun hatten.

Curtis war müde und bemerkte in dem Augenblick in dem ihm das bewusst wurde, ein kleines Motel am linken Straßenrand. Er fuhr die Einfahrt rein und stellte den Wagen, von der Straße aus nicht sichtbar, hinter dem zweiten Gebäude ab. Er hoffte sich mit dem Fünfziger zusätzlich beim Portier eine ruhige Nacht erkauft zu haben. Er gab ihm zu verstehen gab das er, Curtis, nie hier gewesen ist. Er konnte sich natürlich nicht darauf verlassen, aber der Versuch ist es wert eine ruhige Nacht kurz vor dem kleinen Nest Willits zu verbringen.
...

`Was ein Scheiß-Motel!`dachte Curtis, als er die Tür seines Zimmers aufsperrte, den Blick einmal kurz rundum schweifen ließ und sich ermattet auf das typisch amerikanische Rüttelbett plumpsen ließ. Er war fertig, fix und fertig. Die Arschgeigen in dem blöden Chevy waren im Jenseits und sein Schädel pochte. Er hatte Hunger und war am Ende. Alles in allem kein wirklich gutes Resumée für den heutigen Tag, der vor Sonnenuntergang stand. Er riß sich noch einmal hoch und griff zum Telefon.
„Hey! Hier ist der Typ von gerade eben, der mit dem Fünfziger on top, Sie erinnern sich?“
„Gut! Zwei Fragen gäbe es noch: 1) kriegt man hier auch was zu Beißen und 2) haben Sie einen Wagen zu vermieten?“
Curtis nahm die Antwort zur Kenntnis: Ja, es gäbe was zu Beißen, ob ein paar Sandwiches für den Moment OK wären? Und wegen des Wagens, nun, das wäre eine Preisfrage. Curtis versteifte sich erstmal auf die Sandwiches.
„OK, dann warte ich jetzt mal auf die Sandwiches, die Sache mit dem Wagen klären wir beim Essen!“ Curtis hängte ein und ließ sich auf dem Bett hinten über fallen.
Er war gerade weggesackt, da pochte es schon an seiner Tür. Curtis grunzte nur, stand dann aber auf. „Ja-ha!“ rief er, als er sich Richtung Tür bewegte. „Sind nur die Sandwiches!“ hörte er von draußen zart wispern. „Ich komm´ ja schon!“ raunte er, während er die Tür aufmachte und ziemlich erstaunt war: er sah den Portier, mit einem weißen Tablett und einem Teller, auf dem sich drei Baguettes nebeneinander reihten. Curtis linste nochmal kurz ins Umfeld, konnte nichts verdächtiges erkennen und bat den Mann herein. Der setzte erst das Tablett ab und kam gleich zur Sache.
„Macht dann mal 25 Dollar!“ grinste er. Curtis sah ihn verblüfft an.
„25, ja?“ er nestelte in seiner Hose nach dem Geld, fand die Scheine und bezahlte. Er biß in das erste Sandwich, kaute und sah den Portier warten. Curtis grunzte kauend und nahm einen zweiten Bissen. Dann einen dritten.
„Bier oder vergleichbares gibt´s in der Minibar...“ bemerkte der Portier nebenbei.
„Schön!“ konstatierte Curtis. „Was ist mit dem Wagen?“ er biß gerade sein zweites Sandwich an.
„Achso, der Wagen... Vom Haus gäb´s einen Ford Ranger Pick up, von mir persönlich – wenn das überhaupt gefragt wäre – einen Corvair. Einen 67er Corvair. Nicht billig, aber selten! Nur mal so – zur Info...!“
„Nein, nein, nein, den Corvair lassen wir mal schön, das hatten wir gerade! Der Ford Pickup ist ersetzbar und kostet was?!“ wollte Curtis wissen und biß erneut in sein Sandwich...
„Mein Gott, müßte ich nachschauen, aber mit ´nem Hunny pro Tag ohne Kilometerbegrenzung müßte das doch machbar sein...“ flötete der Portier.
„Äh-äh-ähm!“ meldete sich Curtis zu Wort. „Hey- an sich kein Thema – nur ich muß kurz nach nebenan und dann nen Hunny? Ein Fuffziger für 20 Meilen sollte ausreichen, verstehen wir uns?“ Curtis sah den Portier kauend an.
„Naja, mißverstehen Sie mich bitte nicht: aber 75 sind das absolute Minimum, sorry!“ der Portier trat mit einem Fuß auf den anderen. Curtis nickte nur kauend. Er wußte, daß er den Termin um 9 hatte und um seiner selbst Willen auch wahrnehmen sollte. Daher schluge er ein. „OK, park´den Wagen vor der Tür, wirf mir die Schlüssel um halb rein und verkrümle Dich bis dahin – geht das klar??“
„Oh!“ er hob die Hände in Unschuld hoch „Klar, Mann, kein Thema! Der Wagen steht um halb vor der Tür, ich klopfe kurz und schmerzlos und wir sehen uns!“
“DAS ist ein Wort!“ brachte Curtis gerade noch raus und sah dem Portier hinterher, wie er die Location verließ. Er sah dem Portier noch hinterher, wie er die Tür ins Schloß zog.
Curtis hatte gerade aus gekaut und rief ihm hinterher „Dann bis nachher!“. Er schien es nicht mehr gehört zu haben...

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Kurz vor neun Uhr fuhr Curtis am prächtigen Praxisgebäude vorbei und ließ den Ford in der Seitengasse stehen, die zum Hof führte. Der Doc hatte ihm eingeschärft, dass an der Wand zum Treppenhaus ein Telefon für die länger einquartierten Patienten angebracht sei und er könne ihn von dort mit einer Kurzwahlnummer anrufen. „Ich habe schon auf Ihren Anruf gewartet- ich habe Neuigkeiten. Bin gleich unten!“ raunte ihm Dr. Carpov in verschwörerischem Unterton durch die Praxisleitung zu. Schnaufend kam er das Treppenhaus heruntergestapft, unter dem Arm einen Laptop verschränkt. „Schön, dass sie kommen konnten! Setzen wir uns doch da hinten auf die Bank. Sehen sie, was ich inzwischen herausgefunden habe“ Immer noch schwer atmend setzte der Doc sich hin, zog eine aluminiumfarbene Mütze aus dem Kittel, warf die weiße Mähne nach hinten und öffnete die Bildschirmklappe. „Setzen sie bitte erst diese silberne Badekappe auf.“ Curtis zögerte zunächst, folgte dann aber der Anweisung und hatte einige Schwierigkeiten, die Kappe ohne größere Schmerzattacken aufzusetzen. Als der Verband komplett unter der Silberkuppel verschwunden war, fuhr Carpov fort:

„Dies nur zu unserer Sicherheit. Einer Intuition folgend, habe ich mich die letzten Stunden nach bestimmten Operationsmethoden umgesehen. Ich habe ihnen ja gesagt, dass ein derartiger Schnitt ungewöhnlich ist. Der sogenannte Äquatorialschnitt wurde Ende der Siebziger Jahre von den Russen während des Kalten Krieges eingeführt, um sogenannte Brainwavers bei gefangenen Spionen aus dem Westen zu implantieren. Einen Brainvaver können sie sich wie eine sehr dünne Siliziumsonde vorstellen, die eine Direktverbindung zum Großhirn hergestellt und von dort optische und akustische Impulse der Trägerperson direkt digitalisiert und in Echtzeit per Funk an einen mobilen Übertragungswagen emittiert.“ Curtis bekam den Mund nicht mehr zu. „Der mit dem Waver verbundene Sender wird im Bereich des ersten Halswirbels angebracht und die Antenne...“ - der Doc machte eine kreisförmige Bewegung um seinen Kopf – „... wird direkt unter die Kopfhaut verlegt. Bester 360 Grad Empfang! Die Politiker des Westens liefen Sturm, als sie von der rabiaten Abhörmethode erfuhren und die Russen stellten die Versuche ein, da diese einen unerhörten Eingriff in die Menschenrechte bedeuteten, Klassenfeind hin- oder her. Die ganze Technologie verschwand für Jahrzehnte in der Versenkung. Nun habe ich vor einem Jahr einen Artikel in einem Fachmagazin gelesen. Demnach experimentieren seit dem Millennium führende Neuronalforscher am MIT mit Tieren, denen neue, kleinere Brainvavers zur Erforschung ihrer Aktivitäten eingepflanzt wurden. Offiziell handelte es sich hierbei um Laborratten, doch wenn sie meine Meinung hören wollen, haben sie es bereits bei weitaus mehr Tierarten versucht. Löwen, Wölfe, Orang-Utans, Weiße Haie, Delphine... Bei diesen Spezies würde ich weitermachen! Und jetzt der Knüller...“ Carpov lud eine Archivseite der Herald Tribune vom 22.August 2007 auf, „...Der Kopf des MIT Teams verschwand plötzlich von der Bildfläche und mit ihm einige Aufzeichnungen mit den Ergebnissen des Projekts. Sieht aus, als hätte er ein besseres Angebot bekommen.

Sehen sie und damit er uns jetzt nicht mitbekommt, haben sie die Kappe auf. Ich denke, die Radialantenne gibt es immer noch und sie sind ebenfalls ein Versuchstier. Die Mütze ist unsere Tarnkappe, verstehen sie?“ Curtis holte tief Luft.
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Ihm wurde schwindlig. Er hatte versucht sich einiges vorzustellen aber das übertraf seine Vorstellungen um einiges. Zuviel auf einmal. Alles drehte sich. Dr. Carpov versuchte irgendwas zu sagen um ihn nicht wegsacken zu lassen: "Na ja, sehen sie´s mal so - wenn das Ding nicht funktionieren würde, wären sie schon tot.". Curtis versuchte zu lächeln: Vielen Dank Doc, netter Versuch. Aber was können wir jetzt mit dem Ding machen? Können Sie das raus operieren? Oder außer Funktion setzen?".
"Hmm, ich könnte es probieren - aber ich denke das Risiko ist zu groß." der Doc erlaubte sich eine Denkpause mit Hand vor dem Mund und zusammengekniffenen Augen. "Das Einzig was Sie schnell und ohne Risiko machen können ist die Kappe aufbehalten. Alles andere will gut vorbereitet sein."
Wieder einigermaßen stabil stand Curtis auf und gab dem Doc die Hand. "Vielen Dank Doc, sie haben mir schon viel weitergeholfen. Ich würde mich gegebenenfalls wieder bei Ihnen melden aber ich muss jetzt erst mal untertauchen!" dann ging er wieder raus zu seinem Pick Up und versuchte ohne aufzufallen wieder auf die Hauptstraße und in das Motel zu kommen.
Als er in das Grundstück einbiegen wollte, sah er das Heck eines schwarzen Blazers hinter dem Portierhäuschen. Er riss das Lenkrad rum und gab wieder Gas. Weiter auf der Hauptstraße Richtung Willits. Vielleicht konnte er später wieder zurück wenn der Portier dicht hielt. Und davon ging er aus - der wollte sicher seinen Wagen wieder haben. In Willits angekommen fuhr er erst mal planlos auf den nächsten verlassenen Parkplatz um nachdenken zu können. Als er den Motor aus machte klingelte sein Handy.

Ca. eine halbe Stunde später in Willits in einem Bürogebäude:
Christine saß noch in Ihrem Büro vor dem Laptop und versuchte in diverse Datenbanken zu kommen. Das Telefon klingelte und sie nahm eher nebenbei ab. "Hallo Kessy, na wie läuft´s so bei Dir?". Christine bekam große Augen und konnte nur ins Telefon flüstern da ihr der Atem weg blieb: "Jordan?! wo bist?".
"Das tut jetzt nichts zur Sache, ich brauche Infos. Was ist damals passiert und wer waren die Leute dahinter?" - "Das kann ich Dir nicht sagen Jordan, ich weiß es selbst nicht. Wir haben nur den Auftrag Dich zu finden und...". Sie stockte um nicht zu viel zu verraten. "Tja Kessy dann finde mal mehr raus, ich melde mich wieder. Übrigens, in dem roten Mantel hast Du mir besser gefallen obwohl dir die weiße Bluse auch gut steht!" er legte auf und schmiss das Prepaid-Telefon, das er eben in einem kleinen Laden im Stadtkern erstanden hatte, so stark auf den Fußboden das es in seine Einzelteile zersprang.

Christine konnte erst nach 10 Sekunden wieder einen klaren Gedanken fassen und rief sofort Reiner an, der schon außer Haus war. "Er weiß wer wir sind und wo wir sind!" "Was? Christine beruhige Dich. Wer weiß was? Bist Du noch im Büro? Ich komme vorbei, bleib wo Du bist. Ich bin in 10 Minuten da!".

Curtis war froh das er jetzt wenigstens EINEN Verbündeten hatte. Der Doc hatte weitere Recherchen angestellt und rausgefunden das damals eine komische Scheinfirma in Willits in der W Commercial Street mit den Exeperimenten zu tun hatte. Deswegen hatte er sich gleich bei Curtis auf dem Handy gemeldet und ihm die Daten durchgegeben.
...

Curtis war danach, wieder mit dem Rauchen anzufangen, das wohlige Gefühl des zerrenden Rauches in seinen Lungen kam ihm in den Sinn. Andererseits: jetzt noch groß herumfahren, um irgendwo einen „SevenEleven“ auszumachen, nur wegen ein paar Kippen... Er verwarf den Gedanken und blies seinen Atem aus, als ob er gerade inhaliert hätte. Auch in diesem Kaff war nichts los, ein Riesenparkplatz, nachts, menschenleer. Die Ausweglosigkeit seiner Situation überfiel ihn wie ein kalter Schauer: was machte er hier eigentlich, um Gottes Willen???
Eine Stimme in ihm befahl ihm, sich jetzt nicht gedankenlos an seine Gefühle auszuliefern, sondern zu versuchen ein paar konstruktive Gedanken zu fassen. Was hatte er und was wollte er? Er räusperte sich gedankenverloren, versuchte sich zu konzentrieren...
OK, also los! Er nahm einen Drop aus der Blechschachtel auf dem Armaturenbrett des Wagens und lutschte ihn nachdenklich: Doc Holiday ist eine Option – aber in wie weit konnte er ihm auch trauen? Kessy hatte er scharf gemacht – was folgte daraus? Der Portier will seinen Wagen wieder haben, verständlich, aber im Augenblick ein wenig heikel... Gedanken über Gedanken und sein Schädel brummte....
Wie kriegt er Doc Holiday WIRKLICH auf seine Seite? Wie kann er herausfinden, ob der Mann ´was taugt? Wie bindet er Kessy wirklich an sich? Und wie löst er das Thema mit dem Wagen? Er machte das Handschuhfach auf, in dem sich noch weitere Prepaid Telefone befanden, Curtis hatte insgesamt vier gekauft, aus einer Laune heraus. Er wählte die Nummer vom Doc und wartete. Mit einem kurzen, angespannten „Ja?!“ nahm das Gegenüber ab. „Hey Doc, der Mann mit der Silberkappe ist am Kabel! Was haben Sie für mich?“ Am anderen Ende ein kurzes Schweigen „Moment noch... OK!“ Der Mann tippte in seinen PC und recherchierte irgendetwas. Nach einer Schweigeminute kam ein „Gut! Hören Sie: Hier ist eine weitere Betreuung etwas zu riskant für Sie! Was Sie brauchen ist Abwechslung und eine unkalkulierte Kurskorrektur – vielleicht hätte ich da was: haben Sie etwas zu Schreiben?“ Curtis bejahte „Gut! Ein gewisser Vincent Plain – ich buchstabiere Dr.-V-Dot-P-L-A-I-N kann Ihnen weiterhelfen – und ich betone KANN! Der Mann wohnt zwar etwas abgelegen, aber er KANN Ihnen das Ding aus dem Kopf nehmen – definitiv! Stranger Kerl, lassen Sie sich nicht verunsichern – Tipp von mir!“ Der Doc wartete auf eine Reaktion von Curtis, die nicht lange auf sich warten lies. „Und wo genau befindet sich der Mann?“ wollte Curtis wissen. „Naja. Nicht eben um die Ecke, wenn Sie wissen, was ich meine: ähäm: in Ohio! Ich weiß, ich weiß! Sie müssen jetzt nichts sagen! Verdammt weit weg und so – schon klar! Aber vergessen Sie nicht: Sie werden verfolgt, Sie haben ein Problem und Sie müssen und wollen etwas tun! DAS sind die Auspizien, mit denen Sie nun umgehen müssen! Wenn Sie zu mir kommen, kann es sein, daß Sie meine Klinik kaum lebendig verlassen, und DAS wissen Sie wie ich. Es liegt also ganz bei Ihnen!“
Um Zeit zu gewinnen, würgte Curtis das Telefonat kurz ab „Ich rufe gleich noch einmal durch!“ und hängte ein.
Puh! DAS war ein Hammer! What´s next? OK, der Wagen. Curtis rief den Portier an „Hey Mann, wo zur Hölle steckst Du?!“ war die fast aggressive Frage des Portiers nach dem Auto „Alles easy, Mann! Hör´ zu ich hab´ auch nen Mustang gefahren! Also, ich weiß wo die Emotionen hängen! Aber ich habe ein Problem. Ich muß nach OHIO, verdammt! Verstehst Du?! Nach OHIO! Entweder Du fährst meinen Wagen nach Willtis und wir tauschen oder Du vertraust mir und ich komme erst in ein paar Tagen mit Deinem Wagen zurück – alles bei Dir!“ Curtis wartete auf eine Reaktion.
„Oh Mann! DAS kann ja wohl nicht wahr sein!“ schimpfte der Portier. „Hey, hey! Ich kann DAS TOTAL verstehen! Glaub´ mir! Ich bezahle dafür und gut iss´!“ sagte Curtis klar und präzise. Auf der anderen Seite kam erst ein Schnauben, dann ein „Oh Mann! Was soll´s! Geht klar – aber ich muß mich drauf verlassen! Sonst schneidet Dir irgendwer die Eier ab – und: Bruder! DAS ist gaaaanz großes AUA! Wir verstehen uns?“ „Buddy- wir verstehen uns sehrrrrr gut!“ kam es von Curtis knapp zurück.
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Zwei Sachen waren klar: genauso wenig wie er Lust auf ein Canonball-Rennen- Solo quer durch Nordamerika hatte, umso mehr Lust hatte er auf ein Wiedersehen mit Kessy. Aber unter den gegebenen Umständen machte es wohl wenig Sinn, sie auf seinen Trip mitzunehmen- dann könnte er sie ja gleich anrufen und ihr seine Pläne von der Demontage der Funkstation in seinem Schädel verklickern. Konnten seine Widersacher tatsächlich alles mitsehen und –hören, was um ihn herum vorging und wer zum Teufel war so scharf darauf, ständig zusehen, wenn er etwa zum Pinkeln ging? „Ich muss so etwas sein, wie der Staatsfeind Nr. 1- ganz oben auf der Abschussliste, aber dennoch ein unfreiwilliger Informant“ dachte er sich und überlegte kurz weiter, ob es nicht besser wäre, hinunter zum San Francisco Airport zu fahren, um die nächste Maschine nach Cleveland zu nehmen. Den Gedanken schlug er sich schnell aus dem Kopf . Noch besser wäre es gewesen, wenn dabei der Brainwaver gleich mit rausgefallen wäre, denn mit diesen Teil unter der Kopfhaut käme er garantiert nicht durch die Security beim Check-In. Wie weit sagte Carpov, reichte die Sendeleistung? Vermutlich nicht allzu weit, denn zum Empfang musste ein Ü-Wagen in der Nähe sein. Ü-Wagen! Der ominöse Chevy Blazer kam ihm wieder in den Sinn...
Solange er die Kappe aufbehielt, konnte er sich auf jeden Fall einen Vorsprung durch Veränderung seiner Position erarbeiten- je weiter er von hier wegkam, umso besser standen seine Chancen, sich unerkannt zu diesem Vincent Plain durchzuschlagen. Er sah in den Rückspiegel und betrachtete sein Gesicht in der untergehenden Sonne. Damn- er sah aus wie ein Vollidiot von der Vega mit dieser Silberkuppel auf seinem einst so fülligen Lockenköpfchen. Noch eine rose Sonnenbrille aufsetzen und er wäre die Lachnummer für den nächsten Christopher Street Day. Vor dem nächsten Kaufhaus am Ortsrand von Willits legte er einen Stop ein und marschierte schurstracks in die Leisure Wear Abteilung, entschied sich für eine Wollmütze in den klassischen Rasta-Farben und ein neues paar Jeans und verschwand damit in der Umkleidekabine. Er schloss die Augen, um seiner eingebauten Humankamera einen Linsendeckel vorzuschieben und hob die Kappe vorsichtig an. „Ich bekomme bestimmt noch einen Hitzschlag mit drei Schichten- jede für sich isolierend. Die unterste, damit mein Kopf in einem Stück bleibt, die zweite zur Funkstörung- bah und da beschweren sich manche Leute über zu viel Handystrahlung am Ohr- und die dritte im Rapper-Look, um das Outfit optisch wieder zu entschärfen.“ Die Kappe legte er mit der feuchten Innenseite nach oben auf seinen Schoß und begann vorsichtig, den Verband langsam Schicht für Schicht abzuwickeln. Je näher er seiner Hautoberfläche dabei kam, umso beißender breitete sich der Gestank in der Kabine aus. Dabei war es gerade ein paar Stunden her, als er von Karpov mit kahlrasiertem Schädel beäugt worden war. Er erinnerte sich an seine Kinderzeit, als er seinen gebrochenen Arm zum ersten Mal nach drei Wochen Licht- Luft- und Bewegungsentzug stolz der Arzthelferin entgegenreckte, die daraufhin spontan die Gipssäge fallenließ und das Patientenklo aufsuchen musste.
Fröhlich pfeifend verließ ein Rapper mit frischen Jeans die Kabine, eilte zur Kasse: „ich behalte die Sachen gleich an“ und schon hörte er einen Aufschrei im Hintergrund, drehte sich kurz um und sah zu, wie ein dicklicher Arm mit spitzen Fingern einen weißen Riesenspaghetti mit Jodflecken aus der Kabine heraushielt. "Ohio hin, Ohio her- ich glaube, ich brauche dringend ein Bad."
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Er saß wieder in seinem geliehenen Ford Pickup und fuhr, mit der Voraussicht eine lange Strecke vor sich und keine Verfolger hinter sich zu haben, Richtung Sacramento. Er musste erst mal den Wagen klar machen. Die Zivilisation von Sacramento gab ihm erst mal Sicherheit. Sicherheit das er nicht alleine ist. Sicherheit alles zu bekommen was er bräuchte. Erst als er wieder aus der Stadt raus kam suchte er in der Gegend kurz vor Placerville einen Supermarkt um sich mit Essen und Wasser einzudecken. Direkt nach Placerviller, einige Meilen weiter, komplettierte er seine Ausrüstüng mit Benzinkanister, Werkzeug und sonstige brauchbaren Flüssigkeiten.

Mit der Gewissheit alles zu haben was man für den Trip braucht, zurrte er noch die Plane über der Ladefläche fest, setzte sich in den Wagen, schlug die Tür zu, setzte sich die Kappe zurecht und gab Gas. Erst mal die 50er lang. Der Plan lag offen auf dem Beifahrersitz.

An der Tankstelle an der eben noch ein Pickup vollbepackt Richtung Berge aufbrach versuchte sich der Tankwart an das Gesicht, an das Kennzeichen, verdammt an irgendwas brauchbares zu erinnern um der Schönheit im roten Mantel ihm gegenüber etwas sagen zu können. "Es war zu viel los Madam, was denken Sie wie viel Verrückte es gibt die sich bei uns noch eindecken und dann in die Wildnis abhauen. Tut mir leid, aber mehr als diese bunte Kappe ist mir nicht aufgefallen."
"Schon gut." meinte Kessy "Danke, Sie haben mir schon weiter geholfen". Sie ging raus und telefonierte kurz über ihr Handy. Ca. 15 Minuten später hielten zwei schwarze Chevi Blazer mit abgedunkelten Scheiben und quietschenden Reifen vor der Tankstelle. Kessy ließ ihren Wagen stehen und stieg in den ersten der beiden Wagen ein. In einer Rauchwolke verschwanden die beiden in Richtung Berge über die 50er.
Kessy saß mit gemischten Gefühlen im Wagen. Sie hatte noch nicht so viel über die herkömmlichen Datenbanken rausbekommen. Da war wohl was mit verschiedenen Experimenten, aber nie, das es wirklich an Menschen getestet worden wäre. Sie hatte plötzlich Bedenken welche die richtige Seite war. Ihr Interesse ihn zu finden war aber mindestens genauso groß wie bei den restlichen Insassen in den beiden Wagen.

Curtis war müde. Es war spät und es wurde bereits dunkel. Er müsste jetzt eigentlich kurz vor Utah sein. Bei der nächsten Gelegenheit fuhr er rechts ran, setzte sich auf die Motorhaube und sah der Sonne zu wie sie hinter den Gipfeln verschwand. Er versuchte noch etwas seine Gedanken zu sortieren bevor er sich für ein paar Stunden auf die Vorderbank haut.
...

Eine Stimme in ihm meldete sich und verkündete, daß die Motorhaube unter ihm nun langsam an Temperatur nachließ, seine Augen nahmen wahr, daß die Schatten begannen, länger zu werden und sein Blick meanderte über den Himmel. Irgendetwas in ihm kombinierte all´ diese Informationen zu einer verdichteten Nachricht: der Wagen fungierte auch als Pharadayischer Käfig. Das bedeutete, daß die Strahlung seines implantierten Senders möglicherweise nicht ganz so klar empfangen werden konnte, wie wenn er ahnungslos einfach unterm freien Himmel seinen Gedanken nachhing.
Dieser Gedanke ließ ihn schlagartig aufspringen, sich hinter´s Steuer schwingen und die Grenze nach Utah passieren. Während Willie Nelson aus dem Autoradio plärrte und er rythmisch auf seinem Sessel mitwippte, kamen ihm die rechten Gedanken: er müßte eigentlich nur die Nacht durchfahren, um den bösen schwarzen Chevi Blazer abzuhängen. Zumindest war das eine Option, die er nicht ungenutzt sein lassen durfte. Sein neuer Plan, die ansprechende Country Music im Radio und der freie Freeway ließen seinen Mut steigen. Er ging im Geiste die Karte der Vereinigte Staaten durch: entweder bewegte er sich grob entlang des 40sten Breitengrades durch Colorado, Kansas, Missouri usw. - oder er schlug sich weiter nordwärts durch: dann durch Wyoming, South Dakota, Iowa und so...
Für´s erste erschien ihm die Freeway Nr. 80 nach wie vor ein guter Weg: abbiegen, um auf Nebenstraßen sein Glück zu suchen, das ging immer noch. Ein Tankstop tat Not. Nach 24 Meilen war es soweit, ein Riesending tauchte auf, um ihm einen vollen Tank und etwas zu Beissen zu garantieren. Er schiß gerade mal auf seine Tarnung und haute sich eine Portion Rühreier mit Speck mit Kaffee rein, als er von schräg links angequatscht wurde. Curtis kaute noch und sah in ein relativ junges, männliches Gesicht. Klarer Blick. Untypische, aber nicht unsympathische Erscheinung, die freundlich lächelte.
„Hey, Tschuldigung, daß ich beim Essen störe – aber Du scheinst ein guter Typ zu sein!“
Diese Aussage platzierte der Fremde quasi direkt vor Curtis´ Rühreier. Curtis blickte auf. „Mmh!“ sah an dem Fremden rauf und runter, konnte erst mal nichts Beunruhigendes finden und nahm eine Schluck Kaffee. „OK, Danke für die Blumen – und was weiter?“
„Naja...“ druckste der Fremde rum „... irgendwie müssen wir alle sehen, wie es weiter geht und ich persönlich lebe von Geschäften entlang der Straße.“ Er sah Curtis direkt an, um zu zeigen, daß er es ernst meint und seriös war. „Na schön“ meinte Curtis tonlos und schob eine weitere Gabel Rührei nach. „Also paß´ auf: entweder Du bist einfach nur auf dem Weg nach Hause und willst Deine Ruhe – kein Problem und ich bin weg, Tschuldigung für die Störung! Andererseits, solltest Du auf der Durchreise sein, vielleicht ein wenig Zeitdruck und auf der Suche nach etwas Besserem als das stupide `Hallo wach` an den Tankstellen, dann hätte ich möglicherweise etwas für Dich. Just let me know!“ zwinkerte der Fremde Curtis freundlich an.
Curtis schluckte sein Ei runter, nahm einen weiteren Schluck Kaffee und machte sich seine Gedanken. Kokain? Warum nicht! In seiner Situation konnte das in der Tat etwas Pushendes bewirken. Curtis räusperte sich. „Klar Mann! Nur: erst esse ich meine Eier hier, dann genieße ich meinen Kaffee und dann gehen wir nach draußen und werden ein Rauchopfer bringen. Dabei erklärst Du mir die Einzelheiten. Derweil: ordere ich eine Kaffee für Dich!“ und schon winkte Curtis der addretten Bardame hinter´m Tresen. Der Fremde wurde nervös und griff nach Curtis´ Arm. „BLOSS keinen Kaffee – bin ich allergisch gegen!“ Curtis wandte sich unverwandt um „Ja was?! Dann Tee?“ Er zuckte die Schultern „Auch gut! Dann Tee. TEE bitte!“ rief er. Der Fremde rollte die Augen. „Sorry, nichts dergleichen: einfach nur Wasser! Mineralwasser und fertig.“ Der Fremde sah etwas zerknirscht drein, Curtis nahm´s leicht, als die Kellnerin antrabte. „Ein Mineralwasser für den Herrn bitte!“ sagte Curtis tonlos.
Fünf, zehn Minuten später standen beide vor dem Stop und rauchten. „Na, wenigstens DAS macht unser Fremder mit Verkaufsabsichten!“ frotzelte Curtis im Raster-Look vor sich hin.
„OK, Du kannst mich als Hysteriker hinstellen. Kann ich leben mit! Aber ist echt scheiße, wenn Du bei der ersten Tasse Kaffee den Notarzt kommen lassen mußt, kann ich Dir sagen!“ der Fremde zog an der Kippe. Curtis wurde nervös „Jaja, schon, nur DESWEGEN stehen wir ja hier nicht blöd rum – also: was iss?!“ „White powder shit, snow, dust, hey?! You name it!“ Er zog wieder. Curtis zog auch und exhalierte mit einem „Verstehe: money for nothing and the chicks for free?!“ Der Fremde mußte lachen „Ich seh´ schon: wir verstehen uns; ja, so in etwa...“ Er zog an der Kippe „Wir gehen zu meinem Wagen, Du kaufst, was Du magst, nachdem Du getestet hast und dann geht jeder seiner Wege, OK?“ Curtis zog an seiner Kippe „NICHT OK! Du kommst zu MEINEM Wagen und DANN werden wir sehen, was Dein Zeug hält – so oder GAR nicht!“ Mit einem high pitch „Mmmmmh!“ zog der Fremde noch einmal, warf seine Kippe weg und sah ihn offen an „Wo steht Dein Wagen?“ „Da drüben, der alte Pickup!“ gab Curtis zurück und machte sich auf den Weg. „Bis gleich!“ hörte er den Fremden noch frölich nachrufen...
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Curtis überprüfte gerade den Zustand seiner Pickupreifen. Er sah den Allergiker schniefend über den Parkplatz mit einer Safeway-Tüte unterm Arm auf ihn zuschlurfen, als die Schwingtüre des Restaurants aufsprang und eine massive, dunkelhäutige Mittvierzigerin den Rahmen füllte. „Freundchen. Ich habe es Dir letzte Woche schon gesagt! Verkauf Deine Scheiße woanders. Dies hier is eine saubere Stadt und unsere Kids sollen ebenso sauber bleiben. Früher war alles auch ruhig hier, bis diese Monstertankstelle gebaut wurde und allen möglichen Abschaum wie dich angespült hat!" Jetzt bemerkte Curtis im Halbdunkel erst die kurze Lederhantel, die die stattliche Erscheinung in der rechten Hand umklammert hielt. Aus der vorderen Seite der rundlichen Faust quollen etliche geflochtene Lederriemen dem Boden entgegen.
„Ouh Kacke, die Walküre hat ne waschechte Goucho-Peitsche in der Flosse“ wimmerte der Fremde Curtis entgegen. Curtis betrachtete gelangweilt seine Stiefelspitzen. Im nächsten Moment hörte er bereits den ersten Knall der mexikanischen Wertarbeit,
sah auf und den irritierten Dealer mit schmerzverzerrtem Gesicht sich den Oberschenkel halten. Die Tüte war ihm entglitten, die Papiertüte geplatzt und der Inhalt hatte sich sehr zur Curtis Freude explosionsartig über den Parkplatz zerstreut. „Au! Spinnst du? Das hat weh getan. Wo sind wir denn hier?“ brüllte der Dealer und versuchte der rabiaten Lady entgegen zu stürmen. Der nächste Hieb traf ihn am rechten Ohr. Eine runde Pillendose kam zwischenzeitlich aus dem Safewaytüten Ground Zero auf Curtis zugerollt. Der Fremde ging mit Tränen in den Augen auf die Knie. „Ich sag's dir nicht noch einmal! Zieh Leine und lass Dich hier nicht mehr blicken, sonst zeig ich dir das nächste Mal meine abgesägte Schrotflinte“. Curtis hatte die Dose schon weggepackt, als der Dealer sein Geschäftskapital wimmernd und fluchend im matten Licht der Parkplatzbeleuchtung wieder einsammelte. Einen größeren Plastikbeutel mit bestem Homegrown aus kalifornischem Althippie-Anbau- er konnte den würzigen Geruch förmlich riechen. Zwei handvoll Ecstasy- Pillen in allen Farben des Regenbogens gesellten sich zu den kleinen Plastiktütchen mit abgepacktem Koks. Genug, um eine wilde Party mit 200 betuchten Gästen endgültig ins Aus zu schicken.
„Hey Alter, lass mal stecken. Ich hab's mir anders überlegt- das ist leider nicht das, wwonach ich gesucht habe“ rief Curtis dem Typen, der immer noch auf den Knien auf dem Asphalt herumrobbte zu, stieg in den Pickup und war im nächsten Moment wieder auf der Straße, die ihn Meile um Meile der Entfernung des Brainwavers entgegenbrachte. Er drehte das Radio wieder an und überprüfte kurz das Label auf der Dose in seiner Hemdtasche. „Bingo! Amphetamine- ab sofort kann ich mir jede Übernachtung sparen. Müdigkeit war gestern!!“ und schmiss sich erst einmal als Anfangsdosis drei Pillen in den Schlund. Die Wirkung ließ sich lange auf sich warten.
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Er drehte die Musik noch etwas lauter und lehnte sich zurück. Wenn die Karte nicht lügt müsste er in ca. einer Stunde nach Battle Mountain kommen. Sein letzter Halt war irgendwo nach Winnemucca. Also weiter auf der 80 und immer schön den Rückspiegel beobachten. Ab und zu kamen Scheinwerfer in der Dunkelheit näher, bogen dann aber ab. So ließ er es erst mal laufen und die kleine Dose in dessen Besitz er dann noch so unverhofft gekommen ist, half im dabei.

Ungefähr eine Stunde hinter ihm auf dem gleichen Highway fuhren die beiden Blazer brav hintereinander her. Kessy, die im ersten Wagen saß, bemerkte das ihr Fahrer langsam müde wurde. Reiner hatte ihn für diesen Job eingesetzt obwohl Carlo noch nicht sehr lang dabei war. Er wollte ihn mit diesem Auftrag testen. Deswegen fuhr auch noch der zweite Wagen mit. Nicht, wie er behauptete, weil es für zwei zu gefährlich wäre, sondern um Carlo im Blick zu haben. Den hatte aber jetzt Kessy im Blick. Sie streckte sich und täuschte Müdigkeit an. Einige Sekunden später stieg sie so schnell und kräftig sie von ihrer Position aus konnte, auf die Bremse und dann sofort wieder auf das Gas. Im gleichen Augenblick hielt sie Carlo ihren Revolver an die Schläfe und meinte nur: "Ganz ruhig! Fahr einfach weiter als sei nichts passiert." Im Rückspiegel sah man wie der zweite Wagen wegen ihrer Aktion durch ein Ausweichmanöver so in´s Schlingern geriet das sie plötzlich rechts in die Pampas abdrifteten. Kessy hoffte das sie nicht weiter konnten und ließ Carlo noch fünf Minuten weiter fahren. Dann bat sie ihn recht freundlich und mit einem guten Argument in ihrer Hand, rechts ran zu fahren, aus zu steigen und wünschte eine angenehme Nacht. Sie gab Gas, denn sie musste damit rechnen das die anderen Beiden es geschafft haben und wieder hinter Jordan und jetzt auch hinter ihr her sind. Gott sei Dank hatte sie den Empfänger für die Hirnantenne von Jordan dabei.

Nachdem Curtis eine kleine Pause hinter einem größeren Felsen machte um zu sehen was so hinter ihm vorbeifuhr, aber nichts verdächtiges bemerkte stieg er wieder in seinen Wagen und fuhr wieder los. An der Temperatur bemerkte man das man in den Bergen ist. Es wurde kühl und ungemütlich. Da sollte man sich möglichst wenig außerhalb des Wagens aufhalten, dachte er sich in dem Moment, in dem er die Scheinwerfer hinter sich entdeckte die schneller an ihn ran kommen als es normal gewesen wäre. Den Wagen konnte er auf dieser Gottverlassenen und unbeleuchteten Strecke mitten in der Nacht nicht mal erahnen. Wäre der Himmel nicht bedeckt und der Mond etwas hilfreicher was seine Helligkeit anging, hätte er zumindest erkennen können das es sich um einen schwarzen Chevi Blazer gehandelt hat.
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Nach weiteren fünf Meilen begann sich Curtis doch zu wundern, warum der Wagen hinter ihm erst dicht aufgefahren war, nun aber keine Anstalten machte, ihn zu überholen, denn die Straße war trotz Dunkelheit an manchen Stellen, an denen Curtis absichtlich leicht vom Gas ging, sehr übersichtlich und der restliche Verkehr alles andere als dicht. Langsam dämmerte ihm, dass er seine ständigen Begleiter der letzten aufregenden Tage immer noch nicht abgeschüttelt hatte- trotz der vermeintlichen Tarnkappe und dem damit verbundenen höllischen Juckreiz auf seiner Kopfhaut war wieder ein Blazer hinter ihm her. Als ein weiteres Fahrzeug aufgrund Curtis' gemächlicher Fahrweise hinter dem Fahrzeugduo aufschloss, konnte er im durchleuchteten Blazer hinter ihm nur eine Person hinterm Steuer ausmachen. Der Dritte im Bunde begann zu hupen und die Person im Fahrzeug in der Mitte gab dem Hinterherfahrenden ein Armzeichen zu überholen. Dieser oder diese Irre hinter ihm musste doch gesehen haben, dass ihnen ein Sattelschlepper entgegenkam! Zu spät, das Fahrzeug hatte bereits zum Überholen angesetzt und teilte sich jetzt eine Spur mit einem übermächtigen Gegner. Curtis tat das einzig Richtige und trat auf den Kickdown, sein Wagen schnellte mit einem Satz nach vorne und gab einen Spalt zwischen den beiden Fahrzeugen auf der Nebenfahrbahn frei, die der Überholer sofort nutzte und schon- „tröööööööööööööööööt“ war der Sattelschlepper an ihnen vorbeigerauscht.

Curtis hatte kaum Zeit, sich von dem Schrecken zu erholen, da sah er im Rückspiegel, wie der Fahrer des mittleren Wagens, einer typischen Mittelklasselimousine, wohl im nächsten Moment nach dem gewagten Einschermanöver erst stark abgebremst hatte und somit dann den Blazer zum stoppen brachte. „Na bravo, wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ dachte sich Curtis und gab weiterhin ordentlich Gas. Die vier Scheinwerferpunkte wurden schnell kleiner, bevor sie hinter der nächsten Biegung verschwanden. Vor ihm lag jetzt flacher werdendes Weideland und Curtis holte tief Luft. „So eine Kacke. Ich Trottel falle auch noch auf diesen Dr. Carpov und seine Silbermütze rein und schon stecke ich wieder in einer Verfolgungsjagd!“ Während der nächsten fünf zügigen Fahrminuten kamen ihm Zweifel über die wahren Beweggründe Carpovs, aber warum hatte der Zausel sich dann überhaupt die Mühe gemacht mit der Tarnkappe, wenn er ihn doch gleich in seiner Praxis oder spätestens bei ihrem nächsten Treffen hätte erledigen lassen können? Er beschloss, die Antwort fünf Meilen hinter sich zu erfragen und wendete den Wagen bei der nächsten Abzweigung, um sich wiederum bergauf zu quälen.
Er fand das Wagenpaar an der selben Stelle wieder, an der er es vermutete, als es aus dem Rückspiegel verschwunden war, verlangsamte sein Tempo und stellte sich vor die Fahrzeuge am linken Straßenrand.
Merkwürdig, die Fahrer waren im Dunkel nicht auszumachen und die steilen Felswände neben der Straße dürften auch nicht gerade zu einem lauschigen Abendspaziergang eingeladen haben. Das Wimmern war erst nur schwach zu hören, doch als Curtis die Rückseite des Chevys in Augenschein nahm, sah er eine Blondine auf dem Kies liegen. Ein Riese mit einer weißen Althippiemähne stand über sie gebeugt und versuchte wohl soeben etwas wie eine Herzmassage, denn er drückte mit beiden Händen rhythmisch auf ihren Brustkorb. Im roten Hecklicht des Chevys konnte er Carpovs massiges Gesicht erkennen, auf dem Schweißperlen standen. „Packen Sie mal mit an. Ich glaube, der Frau ist schlecht geworden“ rief er Curtis zu, den er im Dunkel hinter den Scheinwerfern nicht richtig erkennen konnte. „Carpov! Mich laust der Affe... Nun erkannte auch Curtis, um wen es sich da handelte, den Carpov da so intensiv bearbeitete. „Kessy?“
Curtis war verwirrt, denn in der jetzigen Situation war es schwer für ihn festzustellen, ob es sich bei Carpov um den Fahrer des Chevysoder um den Retter im Mittelklassewagen handelte.
Jetzt hatte auch der Doktor Curtis erkannt und ächzte ihm entgegen, während er Kessy weiterbearbeite: „In der Tasche...1,2,3...auf meinem Beifahrersitz... 1,2,3... Ampulle mit Aufschrift Adrenalin... Spritze nicht vergessen, sonst muss ich der Dame das Fläschchen in den Hintern schieben...“

In fünfzehn Sekunden war Curtis mit den angeforderten Artikeln zurück und Carpov machte eine Pause, zog die Spritze auf und jagte diese Kessy im nächsten Moment in die Aorta. „Wissen Sie eigentlich, was sie da tun?“ schrie ihn Curtis an, „so etwas kann gewaltig daneben gehen...“ „Sehen sie hier irgendwo einen Notarzt? Ich nicht. Ich hatte mit dieser Frau eine kleine Auseinandersetzung wegen ihres mörderischen Handzeichens und auf einmal kippt die einfach um und hat seither keinen fühlbaren Puls mehr... Moment...“ Im nächsten Moment ging ein Zucken durch Kessys Körper. Schließlich röchelte sie und kotzte erstmal ordentlich in den Kies.
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„....Du hättest Joey sehen sollen, wie er mit den Grillanzündern -------“ der beifahrende Sergant traute mitten in seinen Erzählungen über die vergangene Grillparty seinen Augen nicht: „Hey, halt mal an, Mann! Da lief doch wer am Straßenrand!“ Sein Deputy am Steuer grinste ihn ungläubig an „Siehst Du Gespenster?“ „Los, dreh´ einfach um und sehen wir nach!“ schlug der Sergant vor. Und so kam es, daß Carlo von einem Streifenwagen erst angeleuchtet und dann zur Rede gestellt wurde. Das übliche Schema: „Sir, Ihre Papiere!“ Der eine der beiden hatte, wie in solchen Fällen üblich, immer seine Hand am Colt – man weiß ja nie, so mitten in der Praerie... Leider konnte der stammelnde Carlo so gar keine Papiere vorweisen, sabbelte irgendwelchen Unsinn und so mußten ihn die Ordnungshüter leider auf die Wache schleifen, wo man guter Dinge war, den Personalien des Wanderers in der Finsternis auf den Grund zu kommen.
Für die beiden Staatsdiener nichts weiter ungewöhnliches jemanden aufzugreifen, der sich nicht ausweisen kann – that´s America! Carlo krakelte noch etwas auf dem Rücksitz rum, beruhigte sich dann aber, nachdem er feststellen mußte, daß sein Lamento auf taube Ohren stieß. Der eine der beiden wollte gerade wieder mit den Ausführungen zur Gartenparty ausholen, als diesmal der Fahrer des Streifenwagens die Fahrt verlangsamte, weil er nun seinerseits etwas zu sehen glaubte. Standen da nicht drei Fahrzeuge am Straßenrand? Zwei davon in Fahrtrichtung und ein Wagen in Gegenrichtung geparkt, jedoch mit Licht. Carlo krallte sich in das trennende Gitter zwischen Fahrer und Fond und traute seinen Augen nur schwer: wenn das nicht der Blazer war, aus dem er unsanft geworfen wurde... „Hey, Leute!“ trommelete er mit der flachen Hand auf das Trenngitter. Der Sergant warf ihm einen grimmigen Blick und ein „Schnauze!“ zu, während der Wagen zum Stillstand kam. Die beiden sahen sich nur kurz an, nickten sich zu und verließen das Fahrzeug in Richtung der drei anderen PKW, die nur wenige Meter entfernt parkten. Beide Männer schlenderten extrem lässig in der Dunkelheit auf das Stelldichein zu, beide die Hand am Colt.
„Gut daß Sie da sind, Männer!“ begann nun Carpov offensiv das Gespräch, bewegte sich auf dei beiden zu, die deswegen nur beherzter die Hände an den Colt legten. „Sie müssen dringend einen Krankenwagen organisieren!“ Während er jedoch diesen Satz aussprach verschaffte sich Kessy etwas Luft und versuchte den beiden Herren von der Staatsgewalt etwas zu sagen, mußte jedoch sofort ihrer sich umdrehenden Magen Peristaltik gehorchen und übergab sich ein weiteres Mal röchelnd und prustend in die Bankette. Nun ergriff der Sergant das Wort „Also, Leute, was für eine Nummer läuft hier?! Ist jemand ernsthaft verletzt?“ „Nein, nein, jedenfalls kann man das so nicht wirklich sagen, aber man weiß ja nie...“ stammelte der sichtlich verwirrte Carpov. Der Sergant wandte sich auch gleich an ihn mit einem „Na, dann ist ja alles in Ordnung! Und wo wir nun schon mal da sind, haben Sie sicher Verständnis dafür, daß wir einen kurzen Blick auf Ihre Papiere werfen wollen, richtig?“ Der Sergant musterte Carpov genau und wartete. „Ähm, nein, ich meine ja natürlich; liegt nur alles im Wagen...“ Er wollte sich umdrehen und zum Wagen, doch der Sergant hielt ihn am Arm zurück. „DAS machen wir schön gemeinsam! Auf geht´s!“ Der Sergant führte Carpov zu seinem Wagen, ihn fragend, wo die Papiere seien. Carpov beschrieb das Handschuhfach, das der Sergant auch entsprechend öffnete und die Mappe mit den Papieren herausnahm. Ihm Schein seiner Maglight checkte er die Daten, wanderte dann aber noch einmal zurück zu seinem Kollegen, der Curtis alias Jordan in der Mangel hatte. Kessy röchelte immer noch frenetisch am Straßenrand, besah sich das Szenario aber gleichzeitig und überlegte während ihrer Schübe, was sie tun müßte, um unbeschadet aus der Sache zu kommen. Am besten weiter die Todkranke spielen...
Die beiden Polizisten verteilten kurz die Rollen: der eine glich im Wagen über Funk die Daten ab, der andere blieb bei Carpov und Jordan, mit einem Auge auf Kessy. Ein paar Miinuten später kam der eine wieder zurück, übergab Carpov die Papiere und nickte jovial „Gute Weiterfahrt, Sir!“ Zu Curtis gerichtet „Alles soweit OK; bloß der Wagen läuft nicht auf Sie – gestohlen ist er auch nicht gemeldet: also???“ „Ohhh! Mein Gott! Das ist Dave´s Schüssel, hat er mir geliehen, weil meine Karre unten in CA zerschossen wurde. Sie können das sicher in Ihren Polizeiakten rausfinden...“ tat Curtis kameradschaftlich. „Zerschossen! Soso! Na dann!“ Der Polizist sah sich nach dem Kollegen um, der sich über Kessy gebeugt hatte, um ihr eventuell doch noch zu helfen, wenn es nötig sein sollte. Doch was in den folgenden Minuten passierte, war wirklich der reinste Krimi. Alles sah noch so harmlos aus.
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Keiner nahm das immer lauter werdende Geräusch eines Wagens wirklich richtig wahr. Als dieser näher kam und auch noch langsamer wurde, drehte sich zumindest der Polizist, der bei Curtis stand, zu dem Wagen um, der jetzt die Höhe der drei stehenden Autos hatte. Das verdunkelte Fenster surrte auf und das Mündungsfeuer einer vollautomatischen, deutschen MP40 war für fast 15 Sekunden zu sehen und nicht zu überhören, während der Hummer langsam vorbei fuhr um dann gleich wieder Gas zu geben.
Curtis konnte sich immer noch auf seine militärische Vergangenheit und der damit verbundenen Reaktionen verlassen obwohl er bewusst nicht viele Erinnerungen hatte. Der Beschuss fing hinten an und durchlöcherte den Blazer in der unteren Hälfte komplett, wobei der zuerst hinten zusammensackte und dann der Vorderreifen zerfetzt wurde. Dem Mittelklassewagen vom Doktor ging es nicht besser. Carpov selbst traf es völlig unvorbereitet. Er war sofort tot. Die Beiden Uniformierten versuchten wenigstens noch etwas zu unternehmen, rissen ihre Pistolen aus den Halftern und das wars dann auch schon. Derjenige der noch neben Kessy kniete konnte noch einen Schuss abfeuern und lag 2 Sekunden später tot über der immer noch röchelnden BND Angestellten. Der zweite konnte nichts mehr unternehmen, war aber ein gutes Schutzschild für Curtis der sich rückwärts auf den Boden fielen lies und mit einem Streifschuss an der Schulter hinter seinen Wagen robbte. Der Leihwagen von Dave, hinter dem Curtis jetzt lag, war nach der Salve nicht unbedingt fahrbereit. Ihm erging es wie den beiden anderen Fortbewegungsmitteln.
Als Curtis das Geräusch des Hummers nicht wirklich aus den Ohren bekam, musste jetzt wohl alles schnell gehen bevor denen einfällt zurück zu kommen um sicher zu gehen das alles geklappt hätte.
Er stand auf und lief geduckt zu Kessy zurück. "Alles klar?" "Naa ja, bis auf den unappetitlichen Gesetzeshüter der auf mir liegt und mich vollblutet geht es mir wunderbar!" hüstelte sie ihm entgegen. Er zog sie unter dem Toten vor und versuchte sie hinter Dave´s Wagen aufzustellen und an die Wagentür zu lehnen. Sie bekam gleich wieder einen Hustenanfall und krümmte sich nach vorne. "OK, ok, es geht schon wieder.". Er stützte sie und zog sie nach vorne bis zu dem Streifenwagen, drückte sie auf den Beifahrersitz, lief um den Wagen rum, und drückte aufs Gas.
In dem Moment kam ihnen der Hummer entgegen. Nachdem erst mal gar nix passierte mussten sie wohl ziemlich verblüfft gewesen sein einen Streifenwagen von dem von ihnen hinterlassenem Chaos wegfahren zu sehen. Das war Glück für die Insassen des Streifenwagens. Curtis sah in Rückspiegel und versuchte schneller zu werden und Kurs zu halten. "Schau mal ob Du das Blaulicht anbekommst!". Gleichzeitig bemerkte er befriedigend das sie auch noch bewaffnet waren. Die Pumpgun war noch in der Halterung vor dem Beifahrersitz.
Inzwischen hatte Kessy das Blaulicht eingeschaltet und auch schon ihre kleine Verteidigungshilfe gefunden die sie jetzt selbstbewusst und professionell aus der Halterung nahm und durchzog.
Curtis blickte etwas verwundert auf seine Beifahrerin. Na gut, er hätte es wissen müssen, aber es zu erleben ist einfach etwas anderes. Dann fiel den beiden plötzlich das Wimmern von dem Rücksitz auf.
...

„Ouuh – SCHEISSE!!!!!“ wetterte Kessy, nachdem sie eine zehntel Sekunde nach hinten gesehen hatte.
„WAS ist Scheiße?“ fragte Curtis indigniert, weil er gerade seinen eigenen Filmchen hinterherhing, die mit Versatzstücken seiner tatsächlichen Vergangenheit, seiner jüngsten Vergangenheit, vermengt waren.
„Tschuldigung, kannst Du ja nicht wissen: das Wimmern heißt Carlo und war auf mich, bzw. uns, angesetzt, um herauszufinden, inwieweit ich loyal bin. So, jetzt weißt Du´s!“ sagte sie und fingerte schmollend nach ihren Kippen in der Tasche.
Während sich Curtis auch etwas zu rauchen aus der Packung angelte, fragte er nach:
„Und wie kommt das Wimmern nun in diese Karre???“
„Ganz einfach: ich habe Carlo mit ner Knarre aus dem Wagen verwiesen, er lief dann wohl zu Fuß weiter, bis in die Highway-Patrol aufgegriffen hat, mit dessen Wagen wir hier nun unterwegs sind!“ Sie zog etwas genervt an ihrer Kippe. „Was uns zu der Frage bringt, wie wir A) das Wimmern beseitigen und uns B) etwas unauffälliger fortbewegen und C) ... Scheiße! Wohin fahren wir denn eigentlich?!“ Sie sah Curtis etwas fragend an und es war einer dieser WIRKLICH fragenden Blicke, die Curtis sofort erkannte. Curtis wußte nun, daß Kessy scheint´s auf ihre eigene, sehr skurile Art selbst begriffen hat, daß sie ihn liebt. Curtis selbst wußte noch nichts von Liebe, er war nur – nun, sagen wir: beeindruckt von dieser scheinbaren Verquickung der Umstände, ihrem – Kessy´s – Verschwinden und Wiederfinden...
„Naja, ich würde mal sagen: der Straße nach, oder was meinst Du?!“ fragte Curtis folgerichtig zurück. Es kam natürlich ein nörgelndes „Aaaah! GANZ super! So genau wollt´ ich es nicht wissen!“ zurück, eine Antwort, die Curtis in keinster Weise verblüffte. Innerlich grinste er sogar ein wenig. Er hätte sich eher eine Art „Oh? Die Straße nach? Wow, DAS ist mal ein Wort! Und wie lange etwa, Curtis? Eine Stunde oder drei? Oder eher örtlich begrenzt, so á la „bis zum nächsten See!“ oder „bis zur nächsten Tankstelle!“ - Sag´, wonach wäre Dir jetzt so???“ (hingebungsvolles Lächeln, Amn. der Regie). So ein gedachtes „Ich mache alles, was Du willst, solange wir zusammen sind!“
Doch er hörte sich selber ein „Eins nach dem anderen: das Wimmern wäre das erste auf der Liste, oder?“ sagen und einen fragenden Blick auf die Beifahrerseite werfen. Kessy zog angewidert an der Kippe, warf sie achtlos aus dem halb heruntergekurbelten Fenster des Streifenwagens und blies den Rauch aus. „Ok, Du hast Recht! Also was soll jetzt werden, mit dem Wimmern, meine ich?“
„Ouuuh! Das Wimmern, ja richtig, tschuldigung, völlig vergessen....“ faselte Curtis in einer zugestanden: etwas abwesenden Stimmung in den Fonds des Wagens. Er grinste Kessy etwas fordernd an und setzte eins drauf „Tja, Schätzchen, dann laß´ Dir mal ´was einfallen – ist ja Dein Freund gewesen, oder?!“ Kessy nahm die Bemerkung sehr indigniert auf und fingerte achtlos nach der nächsten Kippe. Sie tat das unbewußt, als ihr jedoch bewußt wurde, daß sie schon wieder nach Rauchwaren suchte, hielt sie abrupt inne.
Sie überlegte. Der Wagen lief ruhig bei 58, 60 miles pro Stunde dahin. Ein Umstand, den auch Curtis´ mind mit Beschlag belegte: wo war der Blazer eine Nano Sekunde vorher oder nachher gewesen, wieso war der Streifenwagen so unbeschadet davon gekommen und keine große Panne in Sichtweite? Wieso mußten sie sich jetzt mit einem Wimmern auf der Rückbank herumschlagen anstatt einfach in die Wüste abzubiegen und wild zu vögeln?
Von einer bestimmten Warte aus betrachtet, hatten sowohl Curtis als auch Kessy dieselben Gedanken – in etwa jedenfalls. Kessy war es, die das Schweigen brach. „OK, also was jetzt: erschießen und rauswerfen oder nur rauswerfen?“
Curtis blickte fragend: „Wirklich: bumm, bumm: ERSCHIESSEN???? Ist das wirklich nötig? Leichen pflastern seinen Weg oder so???“„JA: wir können ihn natürlich auch beim nächsten court house abgeben und als Kronzeugen deklarieren, geht auch Curtis, geht auch!“ nörgelte Kessy in die Nacht...
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Curtis versuchte einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen. Irgendwie steckte zu weit und vor allem schon zu lang in diesem Thriller. "Na jaaa, na jaaa, klar!" schrie er fast. "wenn es nicht anders geht und Du das von Deinem Verein so gewohnt bist, gut! Tu Dir keinen Zwang an, erschieß das Schwein!" Curtis zog die Waffe und reichte sie Kessy. Sie sah ihn noch fragend und verwundert an. Sie dachte das er etwas kaltblütiger unterwegs war und dachte wieder daran das sie ja noch weitere Informationen über ihn sammeln wollte. In dem Augenblick klackte es vom Rücksitz und Carlo stieß sich aus dem fahrenden Auto um seinem Überlebensdrang nachzugeben.
Curtis riss den Kopf nach hinten und gleichzeitig das Lenkrad mit nach rechts. Der Wagen schlingerte fast über die gesamte Fahrbahn, fing sich aber wieder. "Scheiße, scheiße, scheiße. Irgendwie habe ich das Gefühl hier nichts im Griff zu haben und ich habe keine Ahnung was oder wer ich bin und wohin das alles führt. Mann mann mann.. ich brauche jetzt eine Pause!"
Kessy sicherte die Waffe wieder und ließ sich in den Sitz fallen: "Pffff jaa eine Pause wäre wunderbar!". Sie merkte jetzt auch wie sie die permanente Anspannung langsam müde machte. "Vielleicht können wir noch die ein oder andere Stunde schlafen bevor... ja bevor was überhaupt? Wohin solls denn gehen? Oder bist Du einfach nur auf der Flucht?". Bei dem Wort 'Flucht' blickte Curtis automatisch in den Rückspiegel: "Nein, nicht direkt. So wie es aussieht bin ich wohl schon eine ganze Zeit auf der Flucht aber es gibt schon einen Grund warum ich da hinfahre wo ich jetzt hinfahre!" Curtis blickt zu Kessy rüber und dachte sich das es jetzt dann eh egal wäre wem er wann vertraute und jetzt schien ihm eine gute Gelegenheit. Deshalb erzählte er seine Geschichte mit dem Arzt Dr. Vincent Plain zu dem er jetzt fahren wollte um das Ding in seinem Kopf zu analysieren und eventuell sogar weg zu bekommen. Gleichzeitig hielten beide Ausschau nach einem geeigneten Motel um sich noch etwas ausruhen zu können.
...

„Schicken Wagen haben sie da!“, begrüßte sie der Nachtportier des Motels am Ortsrand von Desperate Gulch und nickte durch die Glasscheibe, hinter der das Dunkel im Rhythmus des flackernden Neonbeleuchtung immer wieder erhellt wurde. „Wir überführen den Streifenwagen zu einer Versteigerung unten in Topeka. Ist zwar gut in Schuss, aber hat schon 200.000 Meilen auf dem Buckel. Aber es gibt immer wieder Fans, die auf Autos mit Kriegsbemalung stehen. Klar, die Funzeln und die Hoheitszeichen müssen noch ab, aber den Trennkäfig kann man gut brauchen für den Fall, dass man sich einen bissigen Köter oder nur die lieben Schratzen vom Hals halten will.“ Der Motelangestellte zückte nur indigniert die Anmeldeformulare aus und reichte sie dem reichlich demoliert aussehenden Paar herüber. „Wenn ich ein paar Mücken übrig hätte, würde ich mir den zur Abschreckung in den Vorgarten stellen. Sie haben ja keine Vorstellung, was für Typen hier manchmal des Nachts vorfahren. Viele würden es sich dann sicher zweimal überlegen, ob sie hier nächtigen- sehen sie den schwarzen Hummer dort vor Nr. 8? Die Typen, die hier gerade eingecheckt haben, sahen nicht aus, als wollten sie hier ein paar ruhige Tage verbringen...“ Curtis und Kessy wechselten einen kurzen Blick und Curtis unterbrach den redseligen Portier: „Hören sie- wir sind augenblicklich weder im Dienst noch in unserem Zuständigkeitsbereich. Aber wenn sie wollen, lassen sie mich mal einen Blick auf ihre Anmeldeformulare werfen. Wir können die Namen kurz per Funk überprüfen.“ „Geht klar, Officer- die beiden Schränke von vorhin haben nicht mal ihre Handschuhe zum Einschreiben ausgezogen.“

„Howard Jones und Jethro Tull? Sagen sie mal, wurde das Radio in dieser Gegend noch nicht erfunden?“ blaffte der vemeintliche Officer in Zivil das verdatterte Gegenüber an. „Sie meinen, die sind prominent? Zwei Gangsterrapper oder so was? Das haut voll rein- wenn die nachher auf 'nen Kaffee hier reinschleichen, hol' ich mir gleich ein Autogramm. Ich habe mich schon gewundert, in den Taschen müssen echt schwere Instrumente drin gewesen sein.“
„O.k. Wenn das nun geklärt ist, geben sie uns doch bitte ein Zimmer möglichst am anderen Ende der Stadt. Wir brauchen nämlich unseren Beamtenschlaf und haben morgen noch eine ziemlich lange Strecke vor uns und den Wagen würden wir gerne in einer Garage parken und -wenn's nicht zu viele Umstände macht- das gleich! Und können Sie unsere schmutzigen Klamotten in zehn Minuten abholen und in eine Reinigung bringen lassen? Um sieben wollen wir sie wiederhaben!“
Curtis nahm die Schlüssel zu Nummer 32 und der Tiefgarage entgegen und legte dem Portier eine Zwanzigdollarnote auf den Tresen.“Und wenn ich sie wäre, würde ich die Rapper nicht auf ein Autogramm anquatschen. Immer schön cool bleiben, klar?“

Wenn Blicke töten könnten, hätte Kessy Curtis sofort ins Jenseits befördert, nachdem sie die Zimmertür mit einem Tritt ins Schloss gerammt hatte. „Hast du sie noch alle? Es gibt so viele Motels auf der Straße nach Ohio. Warum haben wir uns nicht gleich zu einer Spontanparty auf Nr. 8 eingeladen? Wenn die den Portier nur ein bisschen in die Mangel nehmen, wachen wir morgen mit einem Zentner Blei in der Bettdecke auf!“ Curtis erklärte ihr in kurzen Worten, dass dies vermutlich der Platz sei, an dem sie am wenigsten vermutet würden und sie habe noch siebeneinhalb Minuten Zeit, sich ihrer Kleidung zu entledigen und dass sie dann dringend eine Dusche brauche, denn der säuerliche Geruch eingetrockneter Kotze mache sich nicht sehr gut in ihrem Decolleté. Wutentbrannt riss sich Kessy die Kleidungsstücke vom Leib, während Curtis einen Blick durch die blinden Scheiben in Richtung Rezeption und Nr. 8 warf. Trotz aller Bedrohung und eingeworfenen Hallo-Wach-Pillen, deren Wirkung aber vor drei Minuten stark nachgelassen hatte, regte sich noch ein anderes Gefühl und die Erinnerungen an die Nacht in Sally's Heim für Seeleute rüttelten ihn wieder wach. Nicht nur seine Klamotten standen vor Dreck.
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Nachdem Curtis auch in der Dusche war, wurden beide von den Gefühlen übermannt und landeten ohne weitere Beobachtungen was draußen so vor sich ging, im Bett und fielen wie ausgehungert übereinander her.
Als er später so auf dem Rücken lag, völlig erledigt, in den Halbschlaf sinkend und das beruhigende Geräusch des Atmens von der bereits schlafenden Kessy neben ihm, dachte er dran das es nicht gerade ungefährlich wäre ohne Wache sich dem Schlaf hinzugeben. Da war es aber schon zu spät und er bekam nichts mehr um sich herum mit.

Keine drei Stunden später wachte er wieder auf da die Stimmen draußen immer lauter wurden. Er stand leise auf und zog seine Hose an, schlich zum Fenster und versuchte etwas zu erkennen. Dieser Morgen steckte zwar noch in den Kinderschuhen, es ließen sich aber schon Umrisse wahrnehmen. Er vermutete das es ungefähr fünf Uhr sein musste.

Vor dem Empfangshäuschen stand der Portier den beiden schwarzen Männern gegenüber und wusste nicht was die Beiden eigentlich von ihm wollten. Er versuchte die beiden Nachzügler im Polizeiwagen nicht zu erwähnen bis einer der Beiden genau das ansprach. "Haben Sie vielleicht einen Polizeiwagen vorbeifahren sehen gestern? Hier irgendwo müssen sie doch sein, verdammt!". Der andere schaute wieder auf das kleine schwarze Gerät auf dem ein rotes LED aufgeregt blinkte und gleichzeitig Piepsgeräusche von sich gab.

Die Wortfetzen die Curtis aufschnappte und die Situation die draußen herrschte machten ihm ziemlich schnell klar das sie sofort weg mussten. Wenn der Portier nur noch ein wenig still hielt, könnten sie es schaffen. Er schlich zurück zum Bett und legte eine Hand über Kessys Mund. Als diese aufwachte und große Augen machte legte er seinen Zeigefinger vor seinen Mund und ließ sie langsam los. "Zieh Dich an, wir müssen so schnell wie möglich hier raus!" flüsterte er. Gleich danach hatten sie alles beisammen und bemerkten das die Vordertür die einzige Möglichkeit war hier rauszukommen.
Leise öffneten sie die Tür und schlichen im Schutze der Dunkelheit des anbrechenden Tages raus und rechts Richtung Tiefgarage. Die beiden Männer standen mit dem Rücken zu Ihnen und Curtis schätzte sie 20 Meter entfernt. Nachdem die Konversation immer heftiger und lauter wurde, bemerkten sie die beiden Gestalten hinter sich nicht.
Außer Sichtweite und um die nächste Hausecke fingen sie zum laufen an um so schnell als Möglich in den Wagen und auf die Straße zu kommen.

Als der Portier langsam keinen Ausweg mehr wusste und ihm jetzt auch egal war was passierte, wollte er gerade ansetzen von den Beiden zu erzählen, als der zweite Mann den Schreihals am Arm riss und auf sein kleines schwarzes Kästchen deutete. Das Piepsen und das Blinken des LEDs wurden kaum merklich langsamer. Aber die Tatsache das es langsamer wurde, versetzte die beiden dunklen Männer in höchste Anspannung und sie ließen von dem Portier ab und konzentrierten sich auf die Umgebung, Geräusche und Silhouetten. Nichts. Nach einigen Sekunden erst bemerkte man ein leises grollen das schnell lauter wurde und plötzlich ein Polizeiwagen mit aufheulendem Motor, quietschenden Reifen bei der Ausfahrt der Tiefgarage fast mit einem Sprung raus geschossen kam.
...

Curtis fuhr, als wäre ein Rudel Höllenhunde hinter ihnen her Richtung stadteinwärts und bei der ersten Gelegenheit bog er in das offene Tor auf das Grundstück eines Warenhauses ab und parkte den Wagen auf der abgelegenen Seite des Wellblechgebäudes. Es wurde langsam hell und langsam trudelten die ersten Lagerarbeiter ein, die alle schlaftrunken das Gelände überquerten und zwischen den parkenden Trucks im Personaleingang verschwanden. Curtis war bereits aus dem Auto gesprungen und spähte um die Ecke, um nachzusehen, ob ihre Freunde im schwarzen Blazer bereits wieder die Verfolgung aufgenommen hatten. Kessy saß immer noch im Streifenwagen und starrte durch die verwitterte Scheibe auf die Trucks. „Ich denke, in einer Stunde könnten wir mit etwas Glück eine hübsche Mitfahrgelegenheit haben“ rief sie Curtis zu, „die Kiste hier können wir vergessen, die ist so auffällig wie ein Schmetterling, wenn es regnet.“ Wie auf ein Stichwort hin begann es im nächsten Moment zu schütten und in der Ferne hörte man bereits Donnergrollen. „Willst Du den ganzen Morgen da rumstehen, du wirst ja klatschnass!“

Curtis kam zurück in den Streifenwagen, schüttelte sich kurz das Wasser aus den Ohren und fühlte kurz an seiner Schädeldecke: „Sorry, kleine Funkzentrale- ich hoffe, das bisschen Wasser macht dir nichts aus. Kessy, ich bin mir sicher, die haben uns bald eingeholt und offensichtlich gibt es nichts, dass diesen Sender in meinem Kopf daran hindert, seine Funktion auszuüben. Kein Mützchen, keine Tarnkappe kann unsere Verfolger abschütteln. Ich habe mal in einem Film gesehen, dass zum Beispiel starker Magnetismus ganz schlecht für jede Art von Elektronik ist. Es gibt bereits Bomben, die so eine Art elektromagnetische Schockwellen erzeugen und damit die elektrischen Systeme ganzer Stadtteile lahmlegen. Mein Plan ist, ohne ständige Begleitung weiter zu reisen, um in Ruhe diesen Dr. Vincent Plain zu finden, der mir hoffentlich dieses Teil ein für alle Mal herausoperiert. Aber bis dahin muss Funkstille herrschen.“

Kessy starrte zur Abwechlung mal Curtis an: „Bist du sicher, dass du wirklich diesen -Brainwaver- ausknocken kannst, ohne dich selbst zu gefährden? Was ist, wenn das Teil einen Kurzschluss kriegt und ein paar Elektroschocks direkt an deine Nerven weitergibt? Und wo willst du bitte einen starken Magneten hernehmen und wie stark muss der in etwa sein?“ Curtis schüttelte langsam den Kopf und sagte, dass er müde sei, vor ein paar Phantomen in einem schwarzen Blazer zu flüchten und dass es Zeit würde, selbst das Blatt in die Hand zu nehmen. Er ließ das Fenster hinunter und sah einen Lagerarbeiter, der am Streifenwagen vorbeigerannt kam, um sich vor dem Platzregen unter dem Vordach der Halle in Sicherheit zu bringen. „Hey Meister! Wissen sie, ob es hier in der Nähe einen großen Schrottplatz gibt? So mit Presse und Kran und so?“
„Klar Mann, 5 Meilen von hier in Rosetta Pines, immer da lang“ und er deutete weiter stadteinwärts und schon hechtete er sich über den Hof, der sich langsam in eine riesige Pfütze verwandelte, in die Zuflucht Personaleingang.

„Kessy, in einer Stunde sind wir wieder zurück und können einen der Truckdriver anhauen, uns ein Stückchen Richtung Ohio mitzunehmen. Ich habe keine andere Wahl, der Waver muss dran glauben!“ „Auf dem Schrottplatz? Klar, wenn du dich in der Schrottpresse platt machen willst...“
„Nein. Es geht um den Kran. Womit hebt er die Autowracks in die Presse? Genau, mit einem Elektromagneten und glaub mir, mit diesen Kalibern kann man mehr anheben als eine verlorene Münze im Gully. Wenn ich es nicht versuche, kleben mir diese Typen bis zum Lebensende am Hals.
Curtis setzte den Streifenwagen in Bewegung und einen Moment später waren sie wieder auf der Hauptstraße. Kessy hatte ein ungutes Gefühl bei dieser Expedition mit ungewissem Ausgang, respektierte aber Curtis' Entscheidung, lieber potenziellen Selbstmord zu begehen, als jeden Tag aufs Neue auf der Flucht zu sein.
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Langsam fuhren sie auf das Gelände der Schrottpresse. Die Einfahrt wurde von Stapeln teils kaputter Autos teils schon fertig gepresster Würfel gesäumt. Der Kran mit dem von Curtis so begehrtem Anhängsel war ca. 130 Meter weiter im Gelände. Es herrschte bereits eifriges Treiben wobei auch der ein oder andere noch nicht ganz wach zu sein schien. Curtis ließ den Wagen im Standgas mit einem blubbernden V8 Geräusch den Kiesweg hoch und durch die ein oder andere große Pfütze gleiten. Klar das die Augen sich alle auf sie hefteten. Nicht das es soo ungewöhnlich war das ein Polizeiwagen auf das Gelände fuhr aber meistens verhieß das auch nichts Gutes.
Der Regen lies langsam nach, zumindest so viel das man sich schon mal eine Minute ins Freie stellen konnte ohne gleich komplett durchnässt zu sein.
Er fuhr soweit es eben ging, an den Kran ran und stellte den Motor ab. Ohne einen Ton zu sagen blickte er Kessy fast eine halbe Minute in die Augen und stieg dann aus dem Auto. Wenn er sich nicht irrte hatte er Sorge in Ihrem Blick entdeckt. Er wusste immer noch nicht genau woran er bei ihr war. Für den Moment schien ihm das aber auch unwichtig.

Kessy blickte ihm nach, wie er das leicht erhöhte Führerhaus des Magnetkrans hinauf kletterte und mit dem Arbeiter verhandelte. Sie hatte kein besonders gutes Gefühl dabei, irgendeinem Ding in seinem Kopf diesen Magnetstrahlen auszusetzen ohne zu wissen was es ist und wie es darauf reagiert. Sie hätte sich auch gerne noch mit ihm ausgesprochen vor dieser Geschichte, aber dazu war einfach keine Zeit, noch nicht.

Curtis beobachtete wie Hank, der Kranführer, den riesigen Magneten in Position brachte. Wie er schon dachte lies sich der unterbezahlte Geselle mit einer Gehaltsaufbesserung abspeisen um ihm 10 Minuten zur Verfügung zu stehen und keine Fragen zu stellen, worüber er sehr froh war. Wie sollte er erklären was er hier vor hatte, wo er es selbst noch nicht mal ganz begriff.
Der Magnet schwebte langsam weiter nach unten. Etwas geschützt zwischen einigen Schrotthaufen blieb er ca. einen Meter über dem Boden stehen. Curtis stieg aus der Kanzel und setzte sich direkt unter den tonnenschweren Metallteller. Sie hatten Zeichen ausgemacht. Erst sollte Hank den Magneten bis knapp über seinen Kopf ablassen. Auf Daumen hoch würde er den Magneten auf kleinster Stufe einschalten und langsam nach weiteren Zeichen die Magnetkraft erhöhen. Das ging leider nicht stufenlos sondern nur in relativ großen Schritten wie sich Curtis vorher kundig machte. Bei Daumen abwärts, gar kein Zeichen mehr oder wenn er einfach umfiel sollte Hank das Ding sofort ausschalten.
Sehr wohl fühlte er sich nicht unter dem riesigen Ding aber jetzt konnte und wollte er keinen Rückzieher mehr machen. Er konzentrierte sich, hatte Angst, ließ Zeit verstreichen.
Dann blickte er kurz zu Hank hoch und zeigte Daumen hoch. Das laute "KLACK" und das Summen danach nahm er kaum wahr da sein Kopf zu platzen schien als die letzen zwei Zentimeter Zwischenraum durch die Magnetkraft ruckartig überbrückt wurden. Zuerst überwog das Gefühl, das jemand versuchte sein Gehirn einfach nach oben raus ziehen zu wollen. Das ging dann in fürchterliche Kopfschmerzen über die sich bis ins Kiefer ausbereiteten. Daumen hoch - "KLACK" - Das Summen wurde lauter, die Schmerzen fast unerträglich. Er kniff die Augen zusammen aus denen bereits die Tränen liefen. Daumen hoch - "KLACK" - Er hatte das Gefühl das jemand ein Lasso um sein Hirn festzurrte und kräftig daran zog. Es wurde immer schlimmer. Er konnte keinen Schmerz mehr lokalisieren. Es tat einfach alles weh. Sein Mund öffnete sich.

Hank hatte sich eine Selbstgedrehte angesteckt die im Mundwinkel hing, die rechte Hand am Drehknopf und die Linke hinter den Latz seiner dunkel-dreckig-roten Latzhose gesteckt. Er hatte keine Ahnung was da unten ablief und es war ihm auch egal für den Hunderter in der Tasche.

Daumen hoch - "KLACK" - Curtis schrie, konnte nichts mehr wahrnehmen, keine Gedanken mehr fassen. Der ausgestreckte Arm blieb nur noch aus Gewohnheit in dieser Position. Alles war unwirklich. Wenn es noch so etwas wie eine Wahrnehmung gab, dann gaukelte die ihm gerade vor das er seit zwei Stunden an dem Ding baumelte. In Wirklichkeit sind nicht mehr als zwei Minuten vergangen. Ihm wurde schwarz vor Augen und dann war einfach Schluss.

Als Hank sah wie der Arm immer schwächer wurde und schließlich schlaff nach unten hing, schaltete er das Ding durch schlagen auf einen großen roten Knopf aus. Der leblose Körper fiel einfach um.
In dem Moment kletterte Kessy über die Schrottteile zu Curtis. Sie beugte sich über ihn und versuchte ihn durch Ohrfeigen wieder ins Bewusstsein zu holen.

Wie nach fünf Stunden Schlaf wachte Curtis durch die Ohrfeigen langsam auf. Mit Scheiß-Kopfschmerzen, ohne irgendwelchen Gedanken im Kopf und einem Grinsen auf den Lippen, blinselte er in Kessys Gesicht.
...

„Hat ja gar nicht weh getan!“ murmelte Curtis, „War ich lange weg?“ Er blinzelte auf seine Uhr, schüttelte sie an seinem Handgelenk und seufzte: „Tja, ich denke, funktionert hat der Magnet. Saubere Arbeit!“ Mit Bedauern nahm er die Markenuhr vom Arm, die ihm aber bei seinem schwachen Gedächtnis nichts bedeutete und warf sie direkt in die offene Schrottpresse. „Besser jetzt als später. Die weckt keiner mehr auf!“
Kessy half Curtis in den Stand und meinte „Und? Was macht dein Schädel? Alles o.k.?"
„Sagen wir mal so, es ist schön, dass der Schmerz nachlässt- aber kurzzeitig dachte ich, mir brennen alle Sicherungen durch... Das dürfte hoffentlich der Moment gewesen sein, als die kleinen Microchips da oben ihren Geist aufgegeben haben.“
„Genau wissen wir's erst, wenn wir unsere Verfolger losgeworden sind...“ In diesem Moment kam Hank aus dem Führerhaus heruntergestiegen und gesellte sich zu den beiden: „Na Meister? Zufrieden? Mein Megamagnet ist in einem Topzustand, oder? Kann aber auch böse ausgehen. Mein Vorgänger hier hatte mal einen Kunden hier mit einem Herzschrittmacher...“

„Nein, alles o.k. Curtis holte fünf weitere Hunderter aus seinem Portemonnaie und reichte sie Hank zur Hälfte. „Sagen sie, wie klein können sie in etwa unseren Streifenwagen machen und hätten sie ein Ersatzfahrzeug für uns, mit dem wir eine Weile weiter kommen?“ Hank schaute den vermeintlichen Officer in Zivil misstrauisch an und lächelte ihm schließlich ein zahnloses Grinsen entgegen: „versteh' schon, verdeckte Ermittlung und so weiter. Kein Problem, aber so ein schönes Auto, das fährt, hab' ich nich' hier. Ich gebe ihnen mein Moped da hinten.“ Hank deutete auf die undefinierbare graue Masse, die neben der Wellblechhütte am Rande des Schrottplatzes im nassen Gras lag. „Wir haben einen Deal“ rief Curtis erfreut und reichte Hank die Scheine hinüber. „Aber zusehen wollen wir schon!“

Schon war Hank hocherfreut zurück ins Führerhaus des Krans gesprungen und orgelte den schweren Diesel ins Leben. Eine schwarze Rauchwolke hüllte den Kran augenblicklich fast gänzlich ein und der schwere Ausleger schwenkte in Richtung des schwarz-weißen Streifenwagens.
Er hob den Magneten auf ca. zwei Meter an und platzierte ihn mittig über der Lichtorgel und senkte ihn unsanft aufs das bisher unversehrte Dach. Die Quertraverse mit den Hoheitskennzeichen gab augenblicklich nach, als Hank Strom in seinen Magneten fließen ließ und den Wagen anhob. Eine sanfte Art, eine Wagenleiche in ihr Grab zu werfen im Vergleich zu den sonst üblichen Greifarmbaggern, die erst einmal die Scheiben zersplittern lassen, ehe sie durch festeres Zupacken die ehemals die formgebende Struktur der Fahrzeuge zerrissen.

Über der Presse angekommen, drückte Hank abermals den roten Knopf zur Stromunterbrechung und der Streifenwagen verschwand im Schlund der Stahlwände, in dem noch ein weiteres Fahrzeug, ein roter Buick, auf das Ende seiner Tage wartete. Er gab dem Mexicano an der Konsole für die Presse ein thumb up und schon hörte man die mächtige Hydraulik aufheulen, die die Stahlwände dem wehrlosen Blech im Inneren entgegentrieb. Weitere automatisierte Vorgänge folgten, die mit einem ohrenbetäubenden Kreischen verbunden waren und schließlich fiel das Endergebnis der mörderischen Prozedur seitlich auf ein Förderband. Die Farbmischung war offensichtlich geglückt und die Fahrzeugtypen in diesem gepressten Zustand beim besten Willen nicht mehr auszumachen.
..

Das wäre ja nun soweit erledigt. Fast hätte Curtis zufrieden in die Hände geschlagen als ob er den Wagen selbst zerdrückt hätte.
Hank zog nochmal das Bündel Scheine aus seiner Brusttasche und grinste zufrieden zu Curtis rüber der gerade versuchte das dreckige Etwas mit zwei Reifen und einen Motor dazwischen über den Kickstarter zum laufen zu bringen.
Ungefähr fünfzehn Minuten später bogen sie wieder in den Parkplatz des Warenhauses ein. Die Trucks waren anscheinend schon alle unterwegs bis auf einen Nachzügler der ihnen gerade entgegenkam. Curtis wendete sofort und versuchte neben beziehungsweise vor den Truck zu kommen. Nachdem duer gerade geladen hatte und sehr langsam Richtung Tor fuhr war es kein zu großes Problem ihn zu stoppen. Der Fahr drückte auf die Bremse und augenblicklich stand der Truck. Das Führerhaus wackelte wegen der abrupten Aktion noch nach währen schon der Fahrer aus dem Fenster schrie was ihnen denn einfiel ihm hier so waghalsige Stunts abzuverlangen und das gerade heute wo er eh verschlafen hatte.
Curtis entschuldigte sich bestimmt fünf mal um die Situation zu beruhigen und ob es denn möglich wäre bei ihm bis zur nächsten Station mitzufahren.
Der Truckfahrer war alles andere als gut gelaunt und schrie schon wieder los: "Was glaubt ihr was ich hier mache? Habe ich vielleicht ein Taxi Schild auf den Dach oder was? Schaut bloß das ihr Euren Schrott hier vor meinem.....". Plötzlich stockte er weil er jetzt nicht mehr in die Augen von Curtis blickte sondern in die Mündung einer 45er. Im Reflex, wahrscheinlich weil er zu viel Krimis gesehen hatte, riss er seine Arme hoch und machte ein noch unzufriedeneres Gesicht als er eh schon hatte. "Tut mir leid Kumpel, aber Du bist die letzte Chance relativ unbemerkt hier weg zu kommen. Ich hätte Dir das gerne erspart! Mach die Beifahrertür auf und lass uns rein!".
"OK,ok, Scheiße.... scheiße" Curtis stieg zuerst ein um den Fahrer im Griff zu haben. Der nuschelte ständig nur "Scheiße... scheiße... scheiße" in unregelmäßigen Abständen in sich rein. Als Kessy im Wagen saß gab der Fahrer einfach nur Gas. "Scheiße... scheiße... scheiße". Curtis üergab die Glock an Kessy und meinte: "Pass Du auf, ich kann nicht mehr. Mein Kopf zerspringt gleich, ich muss mich etwas hinlegen. Sag ihm er soll seine normale Route fahren. Egal wohin, erst mal nur weg von hier. Wir kümmern uns dan später darum. "Scheiße... scheiße... scheiße"!
...

Während der Truck anrollte, kletterte Curtis auch schon in die Koje im hinteren Teil des Führerhauses und streckte sich zwischen den achtlos nach hinten geworfenen Pappbechern und Fastfood-Schachteln aus. Kessy lehnte an Innenseite der Beifahrertüre mit angewinkelten Beinen, um den Fahrer besser im Blick behalten zu können, als er auf die Hauptstraße einbog. „Scheiße, das ist Kidnapping“ fluchte der Fahrer und steuerte das Ungetüm der Landstraße Richtung Osten. „Ist jemand von euch aus dem Knast geflohen? Oder seid ihr sowas wie Bonny & Clyde? Was soll die Scheiße, ich habe einen Job zu tun- die Springfedern im Auflieger hinten müssen dringend nach Des Moines, Iowa! Die reißen mir den Arsch auf, wenn die Teile nicht bis heute Nachmittag um 5 anrollen... Scheiße, scheiße...“ Kessy musste das erste Mal in den letzten Stunden lachen: „Mann, das ist dein Glückstag. Des Moines liegt genau auf unserer Route, wir werden dich nicht dran hindern, rechtzeitig abzuliefern. Also ganz locker bleiben, entspann' dich.“ Der Trucker drehte sich kurz zu Kessy um und musterte sie von Kopf bis Fuß. Die Mündung der Glock starrte ihm zwischen ihren Knien entgegen. „Das ist eine Glock, stimmt's? Häßlich, aber sehr zuverlässig. Schießt sogar unter Wasser. Habe auch eine, aber leider zu Hause. Willst du mir die jetzt die ganze Zeit damit drohen? Die Straße hat ein paar Schlaglöcher und so ein Ding geht schnell los. Wie heißt du, Kleines? Ich will wenigstens wissen, von wem die Kugel ist, wenn ich deinetwegen mit einem Schuß in die Leber langsam verblute.“

„O.K. Ich heiße Kessy und da hinten liegt Curtis. Wir hatten nur eine kleine Autopanne sozusagen und sind auf dem Moped gerade noch bis zum Ladehof gekommen und müssen dringend nach Cleveland, Ohio.Und mit wem haben wir die Ehre?“ Kessy sicherte die Pistole und legte sie neben sich auf den Sitz.

„Ich heiße Jimmy Page, jaja, ganz genau wie der Typ von Led Zeppelin. Hier, siehst du das?“ Er deute auf seinen rechten Unterarm, auf dem eine Gibson Les Paul und der Schriftzug WHOLE LOTTA LOVE in verblichenen Farben eintätowiert zu bewundern war. „Ich habe ihn mal persönlich an einem Truckstop in Flagstaff, Arizona, kennengelernt. Ich glaube, das war in den frühen Siebzigerjahren. Da sitzt der Typ an einem knallbunten Tourbus gelehnt mit so einer Klampfe (er deutete auf seinen Unterarm). Der Sound, den der da aus dem kleinen Batterieverstärker rausgeholt hat, war einfach... überirdisch. So bin ich hin zu ihm und sagte, ich wollte nur mal die Hand eines so begnadeten Gitarristen schütteln. Der Typ starrte mich durch seine Löwenmähne an und fing laut dröhnend an zu lachen. Der war offensichtlich total stoned und klatschte mir auf die Schulter und fragte mich so wie du gerade nach meinem Namen. Hey Mann, du machst Witze – echt, Du heißt Jimmy Page? Der Typ legte seine Gitarre weg und meinte, er heiße mit richtigem Vornamen James Patrick und glaub es oder nicht- ich auch.“
Kessy grinste und forderte Jimmy Page auf, doch weiter zu erzählen. „Schon wankte der andere Jimmy in den Bus und kam mit einer Flasche Tullamore Dew wieder raus und meinte, darauf sollen wir einen trinken. Und dann erzählte er mir, er könne einen vertragen, denn der Schlagzeuger der Band sei vor ein paar Tagen in Page's Haus an seiner eigenen Kotze erstickt und die ganze Welt könne ihn jetzt mal am Arsch lecken. Ich lehnte einen Schluck aus der angebotenen Flasche dankend ab und meinte, ich müsse noch weiter mit meinem Truck. Haha, Jimmy Page fährt nen ausgewachsenen Truck und drückte mir einen ganzen Stapel von Led Zeppelin Cassetten zum Abschied in die Arme. Damit ich immer was Gutes zu hören habe.

Das war kurz bevor Led Zeppelin sich aufgelöst hat, aber die Musik von damals habe ich seitdem immer noch dabei, wenn ich längere Strecken fahren muss.“ Sein Blick fiel wieder auf die in der Sonne glänzende Glock und er seufzte „Was rede ich da eigentlich, was geht sie das an?“ Plötzlich regte sich der CB Funk und eine nasale Frauenstimme forderte Jimmy auf, sich zu melden. „Mach jetzt bloß keinen Fehler“ fauchte Kessy ihn an und nahm die Waffe wieder auf.

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Jimmy grinste zu Kessy rüber und drückte kurz ein Auge zu während er den CB Funk aus der Halterung nahm und den Knopf drückte: "RubberDuck05 hört, was gibt´s denn?" Da erwiderte die Stimme: "Mensch Jimmy, Du bist doch auf der 80er unterwegs, oder?" "Ja warum?" "Da gibt´s Probleme auf der Höhe Kearney, da steht eine Polizeisperre, keine Ahnung, weißt Du da was?" "Tut mir leid, auch keine Ahnung was da los ist, aber Danke für den Hinweis, wenn ich was neues höre informiere ich Dich gleich, Danke und Ende".
Kessys Augen wurden während der Funkunterhaltung immer größer. Sie umklammerte die Glock jetzt mit beiden Händen: "Was soll das? Was ist da los? Wieso Polizeikontrolle?" "Jetzt mal ganz langsam meine Dame. Das wird eine reine Routinekontrolle sein. Die kommen öfter vor in der Gegend. Wenn ihr damit Probleme habt dann versteckt Euch hinten in der Koje oder ihr müsst vorher raus, ICH liefere auf alle Fälle meine Teile heute bis 5 Uhr in Des Moines ab. Und wenn ihr mich erschießt!"
Kessy langte nach hinten und versuchte irgendein Körperteil von Curtis zu erreichen. Sie bekam seinen Unterschenkel zu fassen und rüttelte daran. Nach kurzem ächzen und stöhnen kam nur ein gekrächztes "Was issn looos!" aus der Koje. 10 Sekunden später schaute der verschlafene Kopf von Curtis durch den Vorhang. Kessy meinte mit einem beinahe entschuldigendem Gesicht: "Wir müssen raus, pack Deine sieben Sachen!" und wand sich dann zu Jimmy: "Du lässt uns einfach eine Kurve davor raus und nimmst uns danach wieder auf, wir versuchen zu Fuß außen rum zu kommen. Und mach keinen Scheiß, wir finden Dich und Du bekommst richtig Ärger, das verspreche ich Dir!" "Mann wer seit ihr eigentlich?" runzelte die Stirn "Ich weiß ja nicht mal ob ich für die Guten oder für die Schlechten meinen Schädel hinhalte? Ein Hinweis für mein gutes Gewissen wäre echt nicht schlecht!"
Curtis der immer noch nicht genau umrissen hatte warum die Aktion überhaupt notwendig war, aber sich völlig im Klaren war, das Kessy ihre Gründe hatte, meinte von hinten: "Leider können wir Dir das gar nicht mit Sicherheit sagen, aber das einige böse Leute gegen mich sind ist schon mal klar" er blickte Kessy an während er das sagte und fuhr dann fort: "Was für eine Rolle ich in der Geschichte spiele, versuche ich gerade raus zu finden. Und Du könntest gerade jetzt einen wesentlichen Teil dazu beitragen damit ich mein eigenes Ich wieder finde!" Jimmy schaute so aus der Wäsche als ob ihm das reichen würde für eine weitere Hilfestellung, grinste die Beiden kurz an und sagte nur: "Spannend! Ich warte auf der anderen Seite." dann bremste er den Truck am Straßenrand so stark ab das eine Staubwolke das noch wackelnde Führerhaus überholte. Die beiden stiegen aus und Kessy grinste mit einem OK Zeichen das sie mit dem Daumen und Zeigefinger zu einem O formte noch kurz zu Jimmy hoch bevor sie die Tür zuknallte. Dann schlugen sich die beiden in die Büsche und hörten nur noch das der Truck wieder anrollte.
...

Büsche können lästig sein, wenn sie nicht wie in Floridas Vorgärten ständig durch Zurückschneiden darin gehindert werden, sich dem vorbeiziehenden Menschen mit allerlei Kratzwerk in den Weg zu stellen. Trotzdem erreichten die beiden ohne große Blutverluste eine lichtere Stelle und als sie sich auf die Zehenspitzen stellten, konnten sie über dem Gestrüpp die blinkenden Lichter der Polizeisperre ausmachen. Der Truck stand bereits an 3.Stelle hinter einem alten Greyhound Bus und einem schwarzen Audi, den die Highway Cops gerade inspizierten.“Wenn die einen Hund haben, dann sind wir am Arsch“ zischte Curtis Kessy zu. „Wir schleichen uns nicht direkt mit diesem ständigen Astknacken an ihnen vorbei...Autsch...“ Die wilden Brombeerranken hinterließen diese netten feinen Stacheln in der Haut, die mit viel Glück nach ein paar Wochen von selbst wieder rauseiterten. „Gibt's hier wohl auch Schlangen und Spinnen und so'n Zeug?“ fragte Kessy, deren Haare bereits reichlich verwüstet aussahen, so dass sie so einigem Kriechgetier reichlich Unterschlupf geboten hätte. Gottseidank machte die Straße hinter der Sperre eine enge Rechtskurve, so dass die nächste Haltemöglichkeit für den Truck nach der Sperre in erreichbarer Entfernung zu sein schien, wenn man sich geradeaus durchs Gelände schlug. Als sich die Büsche etwas lichteten, konnten die beiden erkennen, dass die Straßensperre auf einer Brücke über einem Fluss errichtet worden war. Unglücklicherweise teilte der Fluss das Gelände vor ihnen und sie mussten auf die andere Uferseite, wenn sie zurück auf die Straße wollten. „Wir müssen es versuchen, es gibt keinen anderen Weg“ meinte Curtis und deutete auf den Straßenverlauf. Schon spurteten sie die Böschung zum Flussufer hinab. „Die sind zum Glück gerade so mit unserem Truck beschäftigt- los, jetzt oder nie!“

Der Fluss war zum Glück nicht besonders tief und den beiden blieb ein Vollbad erspart, während sie immer wieder in Richtung Brücke spähten. Das Brückengeländer versperrte teilweise die Sicht auf den Fluss und so schafften sie es auf die andere Seite, ohne entdeckt zu werden, krabbelten das steile Flußufer hinauf und tauchten wieder in das schützende Dickicht ein. Der Truck war gerade durchgewunken worden und Curtis zog sich seine Schuhe wieder an: „Ist ja wie im Film! Hoffentlich wartet dieser Jimmy Page wirklich da vorne auf uns- lass uns zusehen, dass wir endlich Land gewinnen. Mein Bedarf an Beeren, Nesseln, Raupen und Stacheln ist reichlich gedeckt...“
Kessy folgte Curtis schweigend und musste sich höllisch vor zurückschnappenden Ästen in acht nehmen. Ihr ging das alles langsam gewaltig auf den Keks. Ständig auf der Flucht vor den eigenen Leuten, Ihre Klamotten waren völlig versaut und naß und vor ihr kroch ein Kerl, von dem sie nicht wusste, ob er nicht einfach nur einen gewaltigen Dachschaden durch eine illegale Hirnoperation hatte. Bisher hatte er sich in keinster Weise als nützlich erwiesen, alle für sie wertvollen Informationen scheinen immer noch hinter einem bleiernen Vorhang der Amnesie verborgen zu bleiben. Rainer würde mittlerweile Alternativen mit den Jungs vom BND in Betracht gezogen haben, wenn das Signal vom Hirnfunk tatsächlich durch den Schrottmagneten gekillt wurde. Mit Satellitenverfolgung oder Handyortung werden sie sich auf jeden Fall schwer tun. Ihr Iphone war nass geworden. Doch wozu das Ganze? Wann würde Curtis langsam dämmern, warum wahrscheinlich mittlerweile ein Dutzend Agenten hinter ihnen her sind, nachdem die normalen Schlägertrupps versagt haben?

..

Die Beiden mussten noch ca. 100 Meter durch das Gebüsch bis es eine steile Böschung zur Straße hinauf ging. Nach ungefähr der Hälfte sahen sie den LKW um die Kurve kommen. "Mann das ist ein Timing!" flüsterte Curtis eher zu sich selbst. Als er sich weiter durch die Büsche kämpfen wollte, sah er aus den Augenwinkeln nur Kessys erstauntes Gesicht und das Geräusch über ihm verriet ihm auch warum. Jimmy der Scheißkerl machte keine Anstalten stehen zu bleiben. Er fuhr einfach vorbei, hupte noch kurz zum Abschied und gab Gas. Curtis kickte in einen Busch und schrie "Scheiße, Mistkerl! Was ist jetzt das wieder für eine Scheißaktion?!". Kessy setzte sich erst mal und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Während Curtis noch etwas ausflippte versuchte sie einen Plan B zu schmieden. Sie schaute auf und schrie den immer noch schimpfenden und zappelnden Curtis an: "Hey, ganz ruhig jetzt!" und fügte dann etwas leiser hinzu: "Diese Rumschreierei hilft niemanden, gib Ruhe und hör zu. Wir müssen zu dem Arzt, und das so schnell wie möglich! Also - wir suchen uns jetzt da oben eine Mitfahrgelegenheit und versuchen so schnell wie möglich an unser Ziel zu kommen". Sie stand auf und ging voraus. Curtis trottete hinterher. Fast oben angekommen erschrak Kessy so, das sie fast mit Curtis den Hang wieder runtergeflogen wäre. Da stand noch ein Streifenwagen auf der anderen Seite. Deswegen ist Jimmy weitergefahren und mit dem Hupen wollte er sie warnen. Kessy drehte sich zu Curtis um um und legte nur den Finger auf die Lippen. Dann gab sie ihm durch Handzeichen zu verstehen das sie zurück mussten. Zumindest die Böschung wieder runter.
Einen Kurve und 200 Meter weiter an der Straße entlang, aber immer versteckt unterhalb der Böschung, sahen sie Jimmy stehen. Kessy atmete erleichtert auf und sie versuchten im Schutz des LKW´s bis zur Straße zu kommen. Jimmy hatte den LKW perfekt platziert. So konnten sie ohne von der Straße gesehen zu werden in das Führerhaus steigen.
...

"Spitze seht ihr aus, vielleicht sollte ich erst mal eine Plastikfolie über die Sitzbank legen!" lachte Jimmy Page ihnen durch die geöffnete gewaltige Beifahrertüre entgegen, "gotseidank habt ihr noch gecheckt, dass mein Hupen was zu bedeuten hatte." Mit einem Blick in den Spiegel versicherte er sich, dass seine unfreiwilligen Passagiere unbemerkt in das Führerhaus zurückkrochen. "Hoffentlich habt ihr nichts mitgebracht. In dem Gebüsch soll es ja von Spinnen und Schlangen wimmeln", feixte er weiter, während die beiden erst einmal nach Luft schnappten. Die Druckluftbremsen zischten und das Ungetüm von einem Truck nahm langsam wieder Fahrt auf.

"Waren die hinter uns her?" fragte Curtis, während er sich immer noch Stachel aus den Handflächen zog und Jimmys Schaltintervalle länger wurden. "Nein, anscheinend hat es einen Ausbruch aus dem County Jail gegeben und man sucht nach einem Flüchtigen, der keinem von euch beiden auch nur im Entferntesten ähnlich sieht. Aber eins ist klar: eine Menge dummer Fragen ist uns erspart geblieben.Bis Des Moines sind es noch etwa zwei Stunden- du hast vorhin erwähnt, dass ein paar böse Buben hinter euch her sind. Es wäre an der Zeit, mir zumindest zu erzählen, ob ihr noch mit weiteren unliebsamen Überraschungen rechnet. Dieser Truck hier ist mein Leben und ist alles, was ich habe- wilde Verfolgungsjagden oder so was fallen komplett aus, comprende?" Curtis wollte ihn ungern an die Glock erinnern, die Kessy hoffentlich nicht im Gestrüpp verloren hatte und teilte Jimmy nur einsilbig mit, dass sie das Schlimmste wohl bereits hinter sich hatten und einfach nur nach Iowa wollten, um das Geheimnis seiner Identität zu lüften.
Jimmy gab über Funk Einzelheiten über die Polizeisperre weiter und griff hinter den Fahrersitz, um eine Kanne dampfenden Kaffees herbeizuzaubern, "die Runde geht auf mich- ihr seht aus, als könnt ihr einen kräftigen Schluck gebrauchen" und schon reichte er die Kanne an Kessy weiter.

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Zwei Stunden später war Jimmy fast am Ziel und somit die beiden Mitreisenden wesentlich näher an ihrem.
"So meine Lieben, ich muss Euch ne Kurve vorher rausschmeißen. Die Kunden mögen das nicht wenn noch zusätzliches Gesindel im Führerhaus sitzt!" meinte Jimmy so laut das Kessy aus dem Schlaf gerissen wurde. Curtis grinste sie etwas gequält an. Er hatte jetzt genügend Zeit sich seinen Kopfschmerzen zu widmen die langsam aber stetig schlimmer geworden sind. Kessy strich sich mit beiden Händen durchs Gesicht und meinte noch etwas verschlafen: "Sind wir schon da?". Zumindest sind wir in Des Moins, jetzt müsst ihr selber schauen wie ihr weiter kommt.". Jimmy hielt an einer Kreuzung in der University Ave Ecke State Fair Grounds. Von da an hatte er nicht mehr weit zu seinem Abladeplatz. Die beiden sammelten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und bedankten sich bei Jimmy für seine Loyalität. Jimmy grinste, streckte Curtis eine kleine Karte entgegen und meinte: "Ich bin bis Montag hier und fahre dann eine Ladung zurück falls ihr also ein Rückfahrticket braucht ruft mich unter der Mobilnummer an".
Curtis grinste und bedankte sich noch mal. Dann sprangen die Beiden aus dem Führerhaus, schwangen die Tür in´s Schloss und klopften noch mal zum Abschied gegen das Blech. Es gab ein lautes Zischen und schon setzte sich Jimmys Truck wieder in Bewegung.

Immer noch nicht ganz wach meinte Kessy: "Und was jetzt?". Curtis ging die drei Meter zum Straßenrand und hob den Daumen während er Kessy in die Augen blickte. "Verstehe!" seufzte Kessy und stellte sich neben ihn.

"Wir sollten uns langsam ein Quartier suchen" meinte Kessy die ca. 15 Minuten später zusammen mit Curtis auf dem Rücksitz eines Buick Park Avenue saßen. Curtis hatte wegen den wachsenden Kopfschmerzen ein Hand flach gegen seinen Kopf gedrückt und meinte nur kurz: "Jep!". Der Fahrer der sich als Matt vorgestellt hatte blickte in den Rückspiegel und meinte: "Wo nach Ohio müsst ihr denn genau? Ich kann Euch nur bis Iowa City mitnehmen und das dauert ca. 2 Stunden!"
Kessy beugte sich etwas vor: "Das passt wunderbar, wir müssen uns dann sowieso ein Motel oder sowas suchen."
...

Bis Iowa City standen ihnen 2 langweilige Autostunden bevor. Matt stellte sich als langweiliger und lausiger Fahrer eines noch langweiligeren und schlecht verarbeiteten Autos heraus- wahrscheinlich war der "Park Avenue" das langweiligste und erbärmlichste, was die amerikanische Autoindustrie jemals hervorgebracht hatte. Unter heftigem Geschaukel verließen sie Des Moines in Richtung Westen, um in der späten Nachmittagssonne gedankenversonnen Matts spärlichen Äußerungen wie "echt geiles Wetter, was?" hinterher zu nicken. Der Highway 80 streckte sich in einer endlosen Gerade der Sonne entgegen, alle zehn Meilen zeigte eine Abfahrt an, dass wohl auch noch vereinzelt Menschen zwischen den gigantischen Maisfeldern leben mussten. Der Wind pfiff durch die nicht ganz dichten Seitenscheiben des amerikanischen Alptraums und Matt setzte wieder zu einem Konversationsversuch an: " Seid ihr schon lange unterwegs? Sieht so aus, als könntet ihr mal wieder ne Wanne brauchen..." Klar, der Ritt im Buck war kostenlos und sie hätten ja nicht einsteigen müssen, aber in der jetzigen Situation sollten sie zusehen, so schnell wie möglich nach Cleveland zu kommen und wenn alles gut lief, könnten sie sich in 2 bis 3 Tagen zu Dr. Vincent Plain durchgeschlagen haben. Die Antwort auf alle ihre Fragen saß vermutlich gerade hinter seinem Schreibtisch und tippte gerade einen Bericht über eine misslungene Testserie und ahnte vermutlich nicht, dass er bald Besuch von einem unfreiwilligen Patienten namens Curtis alias Jordan bekam. Verfolger hatten sie schon seit längerer Zeit nicht mehr entdecken können, der Highway hinter dem langen Schatten des unförmigen Ungetüms zog sich endlos dahin, kein Fahrzeug in unmittelbarer Sichtweite.
Gegen 7 Uhr abends ließen sie sich aus Langeweile und Müdigkeit am Abzweig nach Williamsburg aus dem Auto werfen und folgten den nächsten zwei Meilen zu Fuß den road signs des Heritage Inn. Williamsburg war ein herrlich verschlafenenes Nest nach all den stressigen Tagen. Sie duschten nach dem Check In und beschlossen danach noch einen kleinen Stadtbummel zu machen, sich ein paar frische Klamotten zu besorgen und irgendwo eine warme Mahlzeit zu organisieren. Fünf Minuten vom Hotel erstreckte sich ein gewaltiger Tanger Factory Outlet in den Abendhimmel, leider hatte dieser aber schon geschlossen und Curtis und Kessy gingen sofort zu Plan B über und steuerten schnurstracks einen Subway an, um sich jeweils mit drei verschiedenen Sandwiches und Salat zu mästen.

..

Die Beiden saßen sich gegenüber an einem Einzeltisch am Fenster und kauten sich gegenseitig was vor. Kessy überlegte wie sie an weitere Informationen über ihren Laden, oder besser Exladen, kommen sollte. Vielleicht wussten ja noch nicht alle Kontaktpersonen das sie raus ist und könnte den ein oder anderen noch in Anspruch nehmen. Vor allen in Deutschland müsste es noch funktionierende Kontakte geben. Sie blickte bei Ihren Überlegungen eher durch Curtis durch als ihn an. Sie bemerkte aber das er in fast regelmäßigen Abständen sein Gesicht verzog. Klar, war ja kein Spaß mit dem Ding im Kopf und dem Versuch dasselbe mit einem Supermagneten auszuschalten. Genau in dem Augenblick verzog Curtis das letzte Mal sein Gesicht bevor er langsam von der Bank kippte um dann, noch mit dem Sandwich in der Hand, am Boden zu landen. Kessy sprang auf und beugte sich über Curtis. Der wimmerte immerhin noch. Sie blickte um sich, keine Hilfe, nur verstörte oder eher interessierte Blicke. "Schnell ruft jemand den Notarzt, SCHNELL!!" schrie sie die Leute an. Ein Mitarbeiter des Ladens der dazugekommen war machte kehrt und fing im Hintergrund an zu telefonieren.

Curtis hatte aufgehört zu wimmern und schien in eine Ohnmacht gefallen zu sein. Kessy versuchte ihn in eine stabile Seitenlage zu bekommen aber so richtig wollte ihr nicht mehr einfallen wie das ging. Egal - Hauptsache Curtis jetzt schnell zu einer echt kompetenten Person bringen. Sie blickte sich noch mal um, sprang auf und machte einen Satz zu der nächst stehenden Person die ihr kompetent genug erschien in der Schnelle. "Bitte kümmern Sie sich kurz um ihn, ich muss dringend mit seinem Arzt telefonieren, bin gleich wieder da!".
Nina, eine Schwarze die den Eindruck einer Krankenschwester vermittelte was wahrscheinlich an der weißen Hose lag, nickt nur mit offenen Mund und bewegte sich langsam auf Curtis zu und sah nach ihm. Das bekam Kessy nicht mehr mit denn sie war schon unterwegs zu dem Mitarbeiter mit dem Telefon. Der meinte nur "Alles klar, der Krankenwagen ist unterwegs!". "Super, Danke - kann ich mal telefonieren?" meinte Kessy als sie sich schon das Telefon schnappte und damit etwas in den abgelegenen Hinterteil des Subways ging, in die Richtung in denen die Toiletten waren um ungestört telefonieren zu können. "Hallo, wer ist da?" fragte Kessy als sie wohl einen Gesprächspartner am anderen Ende hatte. "Äh, ja, ah das Codewort, ja - Schnittlauchbrot ... OK danke!" kurze Pause "Hallo, ich brauche Hilfe. USA Außenstelle West 342, eine Person die wichtige Informationen hat braucht Hilfe. Bitte organisieren Sie einen Rettungsflug. Ich lasse die Verbindung offen dann können Sie uns orten. Danke!" Kessy legte das Telefon ohne es auszuschalten auf eine Tisch im hinteren Bereich und kam wieder nach vorne in dem Augenblick als der Notarzt mit seinem Koffer zur Tür rein gestürzt kam. Sie wusste das es gefährlich war den Verein anzurufen. Sie konnte hoffen das die ganze Aktion hier über den Osten lief und niemand so schnell was mitbekommt.
Als nächstes schnappte sie sich den Fahrer des Notarztwagens um versuchte ihm zu erklären das wohl gleich ein geeigneteres Transportmittel kommen würde und bedankte sich für die schnelle Reaktion. Nach kurzen Erklärungen und auf dem Weg in das Lokal hörte sie bereits leise das Hubschraubergeknatter. Kessy kniete sich neben den Notarzt und Curtis und betete das die angeforderte Truppe noch nicht an die Informationen ihrer Dienststelle gekommen ist und echte Hilfe bedeutete.
Draußen wurden die Geräusche lauter und ein Militärhelikopter setzte zur Landung an.
...

Die Sache wurde langsam brenzlig und Curtis nahm die Ereignisse der nächsten Minuten nur schemenhaft wahr. Vor einem Moment noch hatte er sich auf das saftige Sandwich gefreut und plötzlich hatten ihne rasende Kopfschmerzen überfallen, die jeden vernüftigen Gedanken sofort im Keim erstickten. Er erkannte zwei Sanitäter und zwei Kerle in dunkelblauen Anzügen, auf die Kessy mit Händen und Füßen einredete und im nächsten Moment wurde er auf eine Bahre gewuchtet und zum Helicopter getragen. Er erkannte das Innenleben sofort- es handelte sich um einen betagten Huey und Sanitäter begannen bereits, ihm Infusionen zu legen. Kessy diskutierte immer noch beim Einsteigen mit den beiden Anzugträgern, das Rütteln der Rotorblätter nahm zu und schon befanden sie sich in der Luft. Es war zu laut, um mitzubekommen, was Kessy den Herren zu sagen hatte, aber es machte den Anschein, als kämen sie langsam zu einer Einigung. Das Schmerzmittel in seinen Adern verströmte langsam seine Wirkung und die peinigenden Signale aus seinem Kopf ließen mit jedem Herzschlag nach. Wohin würde die Reise gehen... Sie mussten dringend nach...Blackout.

"Hallo-allo-allo, das sind Sie ja wieder-ieder-ieder!" wurde Curtis attestiert als er beschloss, die Innenseiten seiner Augendeckel zu heben und die neue Umgebung visuell zu erforschen. Er hatte das Gefühl, in einer Tiefgarage aufgewacht zu sein, allerdings fehlten die Autos, die sich hier normalerweise heimisch fühlten. Man hatte sein Krankenbett offensichtlich teilweise pietätvoll mit einem Paravent vom Rest der Garage abgeteilt, jedoch konnte Curtis fünf Personen vor dem Paravent und eine Reihe von militärischen Spezialfahrzeugen hinter dem Paravent ausmachen. "Ich bin Dr. Vincent Plain, wissen sie noch wer sie sind?" Fragend näherte sich ein auffällig groß gewachsener Schönling seinem Gesicht und leuchtete ihm mit einer Mini-Maglite direkt in die Pupillen. "Wathabite" brachte Curtis hervor, der Schönling legte die Maglite zur Seite und schüttelte seine schwarze Lockenmähne bedächtigt und meinte zu den Umstehenden gewandt: "Ich bedaure- ein Misserfolg. Der Patient kann sich nicht an seine Identität erinnern oder sein Sprachzentrum ist durch den Eingriff..."WASSER BITTE!" wiederholte Curtis nun kräftiger und 10- nein 9 Augen richteten sich spontan auf ihn, Kessys Glasauge nicht eingerechnet. Einer der Anzugträger löste sich aus der Gruppe und winkte einen der uniformierten Wachposten heran, der in der Nähe eines russischen Raketenwerfers Stellung bezogen hatte. Eine Thermoskanne und ein Becher wurden herangereicht. Curtis hatte zwischen seinen Schlucken Gelegenheit, den Schönling genauer unter die Lupe zu nehmen, und er war sich sicher, dass er ihn kannte.

..

Aber woher, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Er konnte sich im Augenblick sowieso fast nichts vorstellen. Es sind eher alte Gefühle, aus einem anderen Leben, die er mal gekannt hat und jetzt wieder langsam hochkommen. Ob positiv oder negativ vermochte er noch nicht einmal erfühlen.
Egal, erst mal die die lebenswichtigen Funktionen überprüfen und raus finden ob das Umfeld einem gut oder böse gesinnt ist.

Ganz langsam konnte er seine Umgebung und alle darin befindlichen Informationen wie Sprache, Licht, Situation immer mehr deuten.
Es schien keine Hektik und auch keine feindlichen Reaktionen gegen ihn oder Kessy zu herrschen.
"Frank?!" brachte er plötzlich hervor. Das Gehirn hatte weder direkt eine Person erkannt noch den Befehl gegeben "Frank" zu schreien. Aber irgendwie ist es ihm rausgerutscht.
Und wieder, diesmal etwas nachdrücklicher und fragender als das erste Mal, richteten sich wieder 9 Augen auf Curtis und 7 gleich drauf auf Frank, dem großgewachsenen Schönling.
Der nickte vielversprechend zu dem Arzt der auch schon unterwegs war zu Curtis. Gleich darauf wirkte alles schon etwas angespannter. Frank wandte sich an Kessy: "Bitte entschuldigen Sie Mam, wir würden mit Curtis gerne Alleine sprechen. Wir werden Ihnen dann alles erklären!" gleichzeitig machte er eine Kopfbewegung zu einem "Aufpasser" der etwas abseits stand und eine AK-47 im Anschlag hatte. Der eilte herbei und nahm den Oberarm Kessy´s leicht in die Hand um sie zur Türe zu führen.
Curtis war schon soweit wach das er mitbekam was im Raum los war. Als er die Kalashnikov sah hätte er schwören können das Ding im Schlaf zerlegen und wieder zusammenbauen zu können, nur weshalb wusste er nicht!

Frank setzte sich an die eine Seite auf die Bettkante und Vincent Plain auf die andere Seite. "OK" sagte Frank zu Curtis "Was weißt Du?" ES dauerte einige Sekunden bis die Antwort kam. "Ähh... was sollte ich denn wissen, keine Ahnung, mir ist das so rausgerutscht mit Ihrem Namen. Kennen wir uns?"
"Früher kannten wir uns. Sagt Dir die S.C.M.I. was?"
"Jetzt wo Sie´s sagen, habe ich das Gefühl ich hätte es schon mal gehört. Aber auch keine Ahnung, warum. Was geht hier den ab? Ich will eigentlich nur das Ding aus meinem Kopf haben, das ist alles. Und wenn das passiert ist möchte ich mir ein neues Leben aufbauen da mein altes wohl weg ist, wenn ich das richtig vermute."
Frank grinste: "Du vermutest richtig, wobei das auch nicht Dein richtiges Leben war. Vielleicht hattest Du nie ein richtiges Leben. Das mit dem Ding in Deinem Kopf ist nicht so einfach. Abgesehen von Technik die noch in den Griff zu bekommen ist, gibt es noch psychische Veränderungen. Und dazu kann ich fast gar nichts sagen da wir diese Dinge damals angewendet haben aber vorher nie getestet. Außer den Delphinen warst Du unser einziges Testobjekt!"
Curtis blieb der Mund offen stehen und versuchte zu verdauen was ihm da um die Ohren flog. Frank führe weiter aus: "Jetzt ist es sowieso egal, wir müssen Dich wieder einweihen, Dich so raus zu lassen wäre zu gefährlich. Mich kennst Du weil ich Dein Vorgesetzter war und wir gemeinsam einige Einsätze zusammen durchgeführt haben. Die S.C.M.I. ist die Special Covered Militäry Investigation und eigentlich weiß niemand, bis auf einen engen Mitarbeiter des Präsidenten, das es uns überhaupt gibt. Das soll auch so bleiben. Insgesamt sind wir nur eine Handvoll Leute die möglichst autark handeln und uns auch um die Beschaffung von Ausrüstung selbst kümmern müssen. Wenn überhaupt Geld von der Regierung kommt, muss das über verschlüsselte Wege zu uns gelangen und auch hier gilt - keiner darf was wissen."
Curtis dämmerte es langsam während den Erzählungen. So kommen auch die unterschiedlichen Mittel und Waffen zu Stande. Amerikanische Helikopter, russische Waffen und Anzüge die sich in keine Kategorie schieben ließen.
Frank fuhr fort: "Wir räumen überall da auf wo es schnell und unauffällig gehen soll und sonst keiner mehr helfen kann da es interne Probleme sind. Wir zwei zum Beispiel waren in mehreren Einsätzen in Kabul zusammen für Probleme in der amerikanischen Besatzung. Du warst gut... Du warst echt gut! Ich war damals dagegen Dich auszugliedern. Aber aus Sicherheitsgründen mussten wir so handeln. Es tut mir leid mein Junge, aber jetzt hast Du wieder eine Familie, ob Du willst oder nicht. Du bekommst jetzt ein nettes Zimmer und Vincent versucht Dich erst mal wieder hinzubekommen. Dir wird einiges klar werden aber Du brauchst noch etwas Zeit."
Zum Abschied hatte Frank noch zwei kleine Klapser auf die Wange von Curtis. Als er dann durch die Gänge geschoben wurde ging ihm einiges im Kopf rum - nur leider nichts geordnetes und nichts was er fassen konnte.
...

Labortag 2: Curtis kann nun das erste Mal sehen, was seine Verfolger wohl aus seinem Hirnsender alles mitbekommen haben. Gestern hatten sie seinen elektronischen Dauergast wohl vorsichtig auseinandergenommen und die durch die starken magnetischen Impulse koppheister gegangenen Chips durch frische Sendeeinheiten ersetzt. Auf den Monitoren rund um sein Bett sah er ein 1:1 Abbild dessen was seine Augen gerade fixierten. Erstaunlich- die Realbilder in 3 D gaben sogar seine leichte Sehschwäche auf dem linken Auge erschreckend genau wieder, alle zwei Sekunden blinzelten die Monitorbilder synchron zu seinem Wimpernschlag. Es gab auch eine Audioeinheit, die gerade über 2 JBL Speaker das Magenknurren in den Raum übertrugen, die Techniker lächelten wissend. "Bitte NICHT sprechen", flüsterte ihm Dr. Vincent Plain zu.
Klar, ein Rülpser und vermutlich würden sich die vermutlich sündteuren Lautsprecher auf der Stelle entmaterialisieren. "Wir schalten jetzt auf Cortex B", gab Plain zu verstehen. Curtis konnte zunächst nicht viel mit dieser kryptischen Information anfangen, doch das Ergebnis des Umschaltvorgangs ließ ihn noch tiefer in seine Matratze sinken. "Oh Mann, jetzt eine Camel ohne, dann einen fetten Doppelwhopper, danach noch eine..." hallte es durch das Labor und alle umstehenden Personen in weißen Kitteln konnten an Curtis' Gedankenwelt teilnehmen.
"Sofort ausschalten" hörte sich Curtis leicht zeitversetzt denken und sprechen. "Ups" meinte Plain, "das sollten wir vielleicht doch noch einmal vom externen Labor aus testen. Wir riskieren hier sonst eine Psycho-Rückkoppelung, nicht gut für den Transmitter und den Patienten. Abschalten!"
Curtis fiel ein Stein vom Herzen, denn er hatte seine Wünsche noch nicht zu Ende gedacht und was nun kam, war alles andere als laborrein. Er konnte sich für ein Paar Minuten entspannen, die Monitore wurden auf Standby geschaltet und Plain setzte sich zu ihm. "Wir hätten nie gedacht, dass die neue Generation der Brainwaver so effizient ist. Die Delphintests, o.k.- ganz interessant, die Welt mit den Augen eines Meeressäugers zu sehen, aber die Gedankenwelt ist einfach nicht zu entschlüsseln. Wollen Sie mal hören, wie ein Delphin denkt?- Legt mal Brainaudio D2 ein." Einer der Techniker suchte aus einem Verzeichnis auf seinem PC das passende Audiofile heraus. Die Übertragung startete mit einem leisen Summen, das plötzlich in eine Reihe von lauten Paukenschlägen überging und schließlich von einem kreissägenähnlichen Geräusch überlagert wurde und plötzlich war wieder Ruhe und alles kehrte zu dem harmonischen Summen vom Anfang zurück.
"Ist ja alles ganz toll" meinte Curtis und setzte sich auf: "Aber kann mir jetzt einer von ihnen sagen, wann ich dieses verdammte Hirnmikro wieder los werde?" Dr. Plain hob die Augenbrauen und nickte Frank zu, der in diesem Augenblick das Labor betrat.
"Es ist alles nicht so einfach, wie wir uns das vorgestellt haben" erläuterte Frank, "das Problem sind die Schnittstellen des Wavers mit deinem Neuronalnetz. Wir können sie schwer orten. Das Ding ist einfach schon zu lange in dir drin. Um sie orten zu können, benötigen wir einen Spezial-Scanner. Schneiden wir daneben, verlierst du dein Augenlicht oder dein Arm hängt für den Rest deines Lebens schlapp an dir herunter." Curtis starrte Frank an: "Dr. Karpov meinte, Plain sei der Einzige, der mich von diesem Ding befreien kann und jetzt fehlt euch ein lausiger Scanner?"

..

"Tja!" meinte Plain: "Wir waren ja auch nicht unbedingt frühzeitig informiert was uns da in´s Hau... ähh Labor flattert. Wir dachten sowieso nicht das wir mit dem Thema noch mal zu tun bekommen!". Der Doktor schielte kurz zu Frank und verließ dann den Raum. Frank sah Curtis schon fast bemitleidenswert an und hielt den Kopf etwas schief. Curtis versuchte irgendeinen klaren Gedanken zu fassen hatte aber gleichzeitig Angst davor. Plötzlich sah er Frank an und meinte: "Wo ist eigentlich Kessy und wie steckt die da mit drin?". Frank machte zwei langsame Schritte auf ihn zu: "Ihr geht´s gut und sie steckt jetzt leider tiefer drin als Ihr lieb ist. Ihre Karriere beim BND ist vorbei wenn Sie Glück hat. Vielleicht kannst Du sie später noch sehen. Dein Glück das sie dabei war, sonst hättest Du es bis hierher wahrscheinlich nicht geschafft! " meinte Frank und lächelte schräg.
"OK, was geschieht als nächstes? Ihr werdet also rumschnipseln und ich darf Wetten abschließen was mir danach fehlt? Oder wie habt ihr Euch das vorgestellt?". Frank kam jetzt ganz an Curtis ran der immer noch an der Bettkante saß. "Ich weiß das es nicht lustig ist für Dich was hier läuft, aber leider haben wie keine andere Wahl. Wir werden aber noch ein paar Stunden warten und den erforderlichen Scanner besorgen. Zumindest was vergleichbares um nicht völlig blind operieren zu müssen! Pass auf, das hört sich alles etwas hart an, aber wir schaffen das schon und es wirklich weniger schlimm als es sich jetzt anhört. Die Technik ist wesentlich besser geworden und Plain ist immer noch einer der Besten auf seinem Gebiet. Also mach Dir keine Sorgen!". Curtis ließ den Kopf relativ gerade und schielte nach oben zu Frank und meinte nur entmutigt: "Gibt es hier wenigstens guten Whisky? Oder ist der in der Kiste mit den Scannern verloren gegangen?!" Frank grinste und machte sich auf den Weg. Frank legte sich wieder hin und versuchte einfach mal an nix zu denken da ja jeder Gedanke momentan irgendwo von irgendwem mit verfolgt wird. Mann was für eine Scheiße - dachte er dann doch noch bevor er in einen tiefen Schlaf fiel.

Als Curtis langsam wieder die Augen öffnete saß Kessy in einem Sessel neben ihm und schlief. Der Raum war abgedunkelt und soweit er erkennen konnte stand nirgends sein Whisky Glas.
Er musste wohl irgendeinen Laut von sich gegeben haben da Kessy den Kopf hob. Als sie erkannte was los war sprang sie auf, setze sich auf die Bettkante, nahm seinen Kopf in Ihre Hände und hauchte ein: "Wie geht´s Dir Curtis?". "Lass mich mal alle Sinne beisammen haben, dann kann ich Dir sagen wie´s mir geht! Was ist das für ein Laden hier? Ich hatte schon vor Stunden einen Whisky bestellt!?". Kessy grinste etwas gequält: "Den haben wir vor zwei Tagen selbst getrunken. Du warst im Koma gelegen und die OP verlief sehr gut meinte Dr. Plain!".
Curtis blinzelte aus seinen verschlafenen Augen und machte ein ungläubiges Gesicht.
...

Zwei Tage knocked out und er sollte das nicht mitbekommen haben? Zwei Stunden - o.k., aber ganze 48 nicht bewusst durchlebte Stunden gingen ihm im Augenblick erst einmal über die Hutschnur. Hutschnur? Ganz vorsichtig betateste er den neuerlichen Verband, der sich auf seiner nördlichen Kopfhemisphäre an seine Kopfhaut schmiegte. "Was ist mit den Neuronal-Schnittstellen? Habt ihr sie gefunden? Ist der Scanner zum Einsatz gekommen?"

Auf seine Fragen hin drehte sich Kessy langsam zu ihm um und erst jetzt entdeckte Curtis das dritte Auge über ihrem Nasenbein, das ihn eindringlich anstarrte. Sie öffnete den Mund und erstaunlicherweise bleckte ihm von dort eine Doppelreihe blankpolierter Sägezähne im besten Edelstahl-Look entgegen: "Ist etwas nicht in Ordnung?" entfuhr es ihrer High Tech Dinosaurierfratze, Curtis krallte sich entsetzt in die Hospitallaken. Das, was sich ihm nun entgegenreckte, könnte vielleicht mit viel Phantasie einmal ihr Arm gewesen sein, doch das schleimige Etwas mit der blasigen Oberfläche brachte Curtis völlig aus der Fassung. " Gott im Himmel, Kessy, wenn es nicht deine Stimme und dein Gesicht wäre"- das dritte Auge starrte ihn immer noch mitleidslos an- "was haben sie mir die gemacht, diese Schweine!"
Das schleimige Etwas landete auf seiner Wange und fühlte sich an wie glühendheißer Honig. " Plain hatte uns gewarnt- du könntest die ersten Tage nach Entfernung der Verbindungen an Wahrnehmungsstörungen leiden. Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen!" Immer noch krallte sich Curtis in sein Bett, ihm war bei Kessys Anblick speiübel geworden. Er stellte aber fest, dass außer Sägezahn-Dreiaugen-Kessy sonst weiter nichts im Aufwachraum für weitere Aufregung sorgen konnte, die Monitore waren weg und auch die Lautsprecheranlagen waren entfernt worden. "Die OP verlief erfolgreich, Plain hat sämtliche Schnittstellen zum Waver gefunden und dank dem Spezialscanner durchtrennen können. Deine interne Sendestation fünkt seit 40 Stunden nicht mehr und du bist sozusagen wieder unter dir oder wir unter uns" meinte die grausame Gestalt mit der vertrauten Stimme.
"Wo ist Plain, ich möchte ihn auf der Stelle sprechen" forderte Curtis, doch das schleimige Tentakel drückte ihn beruhigend und nachdrücklich zugleich zurück in die Kissen. Er seufzte laut und kämpfte weiter gegen die Übelkeit. Er schloss die Augen und riss sie im nächsten Moment wieder weit auf. Kessy hatte sich in eine orangefarbene Mistgabel verwandelt. Zu - auf: Ein Goldhamster mit Scherenhänden. Zu - auf : Ein Panzerschrank mit Nasenflügeln. Curtis zog es daraufhin vor, die Augen für eine Weile geschlossen zu halten.
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