the perfect shave

Das neue Jahr begrüßt „Mann“ standesgemäß natürlich gut rasiert und frisch gebadet. Wie das ultimative Badevergnügen so aussehen kann ...

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Bildquelle: Manuel Gollek

(mg) Das neue Jahr begrüßt „Mann“ standesgemäß natürlich gut rasiert und frisch gebadet. Wie das ultimative Badevergnügen so aussehen kann, darüber hat DER MICHEL bereits berichtet (http://www.der-michel.de/ab-ins-bad.phtml) – die Rasur damals allerdings außen vor gelassen: hier nun der Nachtrag.

 

Man muss es schon zweimal machen, um den vollen Genuss zu erleben: das erste Mal um die Angst zu überwinden und sich dem Erlebnis öffnen zu können, weil man dann in etwa weiß, was auf einen beim zweiten Mal zukommt – denn: zugegeben, die Gepflogenheiten einer türkischen Rasur stammen aus vergangenen Zeiten und haben sich ins Jetzt behaupten können – zumindest in der Türkei und noch weiter „fern der Heimat“…

 

Was macht die türkische Rasur so erwähnenswert in einer Zeit, in der Mann sich entweder antiallergisch und elektrisch rasiert oder eben doch noch nass, aber dann mit der Gilette fünffach Klinge aus dem Supermarkt? Nun, es ist der Erlebnis-Charakter an sich! Das erste ist die Bereitschaft, sein lausiges Leben in die Hände eines unbekannten Geschlechtsgenossen zu legen: immerhin geht´s mit blankem Rasiermesser aus Großvaters Zeiten an die Kehle! Doch der Reihe nach…

Am Anfang steht die Frage, ob es denn genehm sei, sich jetzt gleich rasieren zu lassen; in der Regel ist immer ein Sessel frei und man wird freundlich gebeten Platz zu nehmen. Es folgt der kritische Blick auf Frisur, Kotletten und Zustand des Bartwuchses und das Einschlagen des Hemdkragens. Danach werden die heißen Handtücher über die Bartregion ausgebreitet, was auch bedeutet, das sich der Kunde „fallen lässt“ – will sagen, sich dem Barbier nahezu völlig willenlos ausliefert: nicht eben einfach in einer Zeit, in der Mann alles unter Kontrolle hält…  Es folgt nach Abnahme der heißen Handtücher das Einseifen: mit dickem Pinsel wird das Gesicht mehrfach mit dickem Seifenschaum eingepinselt unter kritischem Blicke des Barbiers. Es braucht den rechten Zeitpunkt, bis der „Herr der Klinge“ zu Werke schreitet.

 

Doch der Kunde wartet vergeblich auf den ersten Schnitt: zunächst wird ein kleines Terrain mit der Klingenrückseite vom Schaum befreit, damit der Meister sieht, was er tut. Danach erwartet Mann das Ziepen und Ziehen von unsanft gedehnten Barthaaren – doch nichts dergleichen: seidensanft gleitet das Messer an der Backe entlang, die andere Hand des Barbiers hält dabei die entsprechende Hautpartie straff. Nasenansatz, Kotletten und Kinnfurchen werden dabei ausgesprochen sorgsam behandelt und man merkt kaum, wie der Wildwuchs Stück für Stück – was sag´ ich: Haar um Haar bis zur blanken Haut gekürzt wird.

 

Die zweite Schicht wird gekonnt gegen den Strich rasiert, es folgt die Zwischenbegutachtung: heißes Wachs wird mittels kleinem Holzstöckchen auf die Partien aufgetragen, wo Mann sich üblicherweise nicht rasiert; die Nase und der obere Teil der Wangenknochen. Klar, dass das Abnehmen des erkalteten Wachses etwas ziept, aber zum einen wird man vorgewarnt und zum anderen dient es der Gründlichkeit. In diesem Stadium werden mit einer lang-Schenkligen Schere auch Nasen- und Ohrhaare entfernt. Fertig? Halbzeit vielleicht!

 

Es folgt ein kunstvoller Tanz mit einem feinen Faden, wobei der Barbier mit beiden Händen eine Fadenschleife aufdreht und den zurückschnurrenden Faden restliche Gesichtshaare entfernen lässt. Parallel dazu ergreift nun der Lehrling die Initiative und beginnt des Kunden Arme und Hände zu massieren. Wenig später greift der Meister mit ein und massiert auch Halsansatz, Nacken, Gesichtspartien und den oberen Rücken, während gleichzeitig das Ergebnis seiner vorherigen Arbeit kritisch im Spiegel begutachtet wird. Ist die kleine Kurz-Massage beendet, nimmt der Barbier einen Q-Tipp „XXXL“ zur Hand, entzündet das wattierte Ende und wedelt mit dem brennenden Ende das Gesicht und Ohren ab. Danach wird ausgiebig gepudert, um die Haut zu beruhigen. Mit leicht fragendem Gesichtsausdruck erblickt man sein bemehltes Konterfei im Spiegel, der Barbier lächelt etwas und kurz drauf wird mit einem feuchten Handtuch wieder der ursprüngliche Teint hergestellt. Fertig? Nun ja, vom Stuhl aufstehen darf man nun, aber jetzt kommt der Abschluss: der Djai hinterher! Freundlich wird man an ein kleines Tischchen gebeten, eine Tasse Tee wird kredenzt. Auf deutsches Hinterfragen nach dem Preis bekommt man zunächst nur abwartende Gesten. Erst wenn das Teeglas fast leer ist, bemüht sich der Meister zu einem, plauscht etwas und lässt nebenbei den Preis durchblicken – den man gerne bezahlt, weil unglaublich klein…

 

Eine Alternative zur morgendlichen „Selbstrasur“? Mag der dreiköpfige Elektrorasierer noch so gründlich und antiallergisch sein – ein Erlebnis dieser Güte vermag keine Maschine zu ersetzen, weder „nass“ noch „trocken“! Es ist Körperkult der Extraklasse für den Mann und da können wir Europäer noch etwas lernen vom Rest der Welt – ein Verlust ohnegleichen, wenn diese Kultur aussterben würde und eine Geschäftsidee für all diejenigen, die ein wenig östliche Kultur in unsere ach so besser-wessi Welt bringen möchten! DER MICHEL drückt die Daumen…         

  


<< zurück | 19.04.2012 - 00:07 - © by Manuel Gollek
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