Playboy-Schelte

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Lieber Florian Boitin,

vorgestern, am Nikolaustag, überraschte mich meine Frau mit dem Dezember-PLAYBOY, den ich etwas überrascht in Empfang nahm. „Wieso denn nicht?!“ fragte mich meine Frau irritiert und hängte ein „…stehen immer wieder interessante Dinge drin!“ dran.

„Aha!“ dachte ich und wunderte mich darüber, dass meine bessere Hälfte wohl mehr über PLAYBOY zu wissen schien als ich. Wie dem auch sei, wir beschlossen das Heft gemeinsam durchzugehen und sind herb enttäuscht worden. Um es vorweg zu nehmen: www.DER-MICHEL.de ist zweifelsfrei die bessere Lektüre, was Tiefgang, Vielfalt und sprachliche Qualität angeht. Eindeutig kommt der MICHEL ohne Nackedeis aus und wenn man(n) mal ehrlich ist: die Bunnies gleichen fast ausnahmslos dem 90-60-90-Muster; dabei sind sie alle so enorm nach retuschiert, dass es in einer optischen Gleichschaltung gipfelt, die jeden Freund der Sinnlichkeit nur den Kopf schütteln lässt. Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass an der Redaktion des PLAYBOY die neue Männerbewegung völlig vorbeigelaufen zu sein scheint, was sich in den an der untersten Kante befindlichen Witzen unschwer nachvollziehen lässt. 24 Beispiele des schlechten Wortwitzes werden dann auch gleich im beigelegten PLAYBOY-Adventskalender 24 Hasies in den Mund gelegt, was wohl einmal mehr das unglaublich differenzierte Frauenbild der Redaktion unterstreicht.

Nimmt man sich – nach der ersten Enttäuschung - das Heft selbst in die Hand, darf man erfahren, dass das EIGENTLICH lesenswerte wohl im Sonderheft für schlappe 8,90 Euro (in echtem Geld: knappe 19,00 D-Mark!) zu haben ist, was zwischen den Zeilen so viel bedeutet wie „aus den Abfallprodukten des Sonderheftes haben wir mal eben das Dezember Heft zusammengenagelt: kost´ dafür auch nur 5 Ökken!“

Dann die Automobil Berichte: als charmanter Beitrag fällt „Leser´s Liebling“ auf, im Vergleich dazu fallen die Berichte zum teuersten Benz und hochpreisigen BMW drastisch ab: zum einen haben diese Fahrzeuge keinen wirklichen Verkehrswert, sind ökologisch eine schlichte Katastrophe und weisen den Besitzer als hohlgedrehten Erben, Neureichen oder völlig Hilflosen aus. Dass sich PLAYBOY mit derlei automobilem Serienblödsinn abgibt, kann nur mit Geld erklärt werden: wir (BMW, Benz) schalten Anzeigen, also bringt ihr (vulgo PLAYBOY) etwas Redaktionelles – so läuft´s halt, kann man einwerfen; leider muss man sich - als Heftmacher - dann auch den Anwurf gefallen lassen, dass Qualität anders aussieht.

Das PLAYBOY Interview mit Daniel Craig: zum einen berichtete DER-MICHEL bereits ausführlich über die denkbar schlechte Besetzung und die ausnehmend miese Story, zum anderen verkörpert Craig damit ein Männerbild, das zu wenig mehr imstande ist, als all die Tugenden weiter leben zu lassen, die Menschen nun seit den 68er Jahren bereits mehrheitlich ablehnen: Gewaltverherrlichung, ein ausschließlich dem eigenen Ego gehorchenden Handlungsmuster, Rücksichtslosigkeit und Gefühlskälte. Die Familie Broccoli hat mit dem Placet zu dieser Definition des Bonds selbst die wichtigsten Eigenschaften Bonds kalt gestellt: Charme und Stil.

Gerade dies aber sind – neben anderen - ganz markante Zeichen eines echten Playboys. Sein ganz persönlicher, individueller Stil. Und dieser Stil ist nur schwer vermarktbar, das ist das Paradoxon des Heftes PLAYBOY. Es ist schlichtweg zu einfach gedacht, dass es genügen würde, mit einem SLS vorzufahren, Jimmy Choo Schuhe und eine Uhr von Tutima Glashütte zu tragen. Dies zu erkennen ist natürlich dem Umstand zu verdanken, dass ein Heft auch verkaufen und Geld verdienen muss. Es will eine massenhafte Leserschaft bedient werden und so sagte man sich wohl in der Redaktion „Haltet den Ball mal eher flach, es muss vor allem etwas für die „Wonnabees“ und die „Adabeis“ im Heft zu lesen sein!“

Eigentlich wäre es längst an der Zeit, beispielsweise ein Interview mit Robert Betz zu drucken, in seinem Buch „So wird der Mann ein MANN!“ ist das zu lesen, was dem modernen Söhnchen mit 50 fehlt, um ein echter Mann zu werden. Die – nur exemplarisch dort aufgezeigten – Qualitäten lassen jeden Besitzer einer 200.000 Euro-Schleuder sehr arm aussehen! Oder eine Buchbesprechung mit Dudley Lynch und Paul Cordis „Strategy of the dolphin“ – hier werden neue, empathische business Strategien vorgestellt, die dem Miteinander weit höhere Erfolgsaussichten einräumen als dem egomahnen Ellbogen des heutigen Geschäftsmannes. Habermas „Die Verfassung Europas“ ist sicher auch etwas, das den modernen Playboy durchaus bei einem Glas … genießen könnte: allein des gesellschaftspolitischen Diskurses wegen…

Was Individualität bedeuten kann, ist gut mit Christian Berkel gelungen: dieses Interview weist unmissverständlich in Richtung neue und sinnhafte Inhalte. Dass diese Qualität deutlich in der Luft liegt, machte auch Karl Lagerfeld auf der diesjährigen BAMBI Verleihung deutlich: „Polical Correctness ist ja ganz schön – aber muss das immer so LANGWEILG sein?“ Ein kleinwenig ist der Redaktion des PLAYBOY auch zu verzeihen, was dem Standort München geschuldet ist: ein offenes Geheimnis ist längst, dass München zur „Schnösel City“ avanciert ist – echte Individualisten findet man übrigens in Paris. Da mag auch der ein oder andere Playboy dabei sein, vielleicht sieht sich die Redaktion mal dort um, immerhin die Stadt der Liebe!

Beste Grüße und „Do it again Sam!“,

Der Michel

P.S.: eine Antwort des PLAYBOY wird selbstverständlich ebenso abgedruckt und dies in gleicher Größe! Ehrensache. Ansonsten nehmen wir auch Einladungen zum offenen Schlagabtausch / Duell / Boxkampf oder Wett-Saufen entgegen…


<< zurück | 21.02.2011 - 21:02 - © by Manuel Gollek
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