Fitzcarraldo am Gardasee

286.JPG

Der Kreuzer von dAnnunzio

Spätestens seit 1982 hat man davon gehört, dass es wohl einmal einen Wahnsinngen in Südamerika gegeben haben soll, der versucht hat, ein Schiff über einen Berg zu ziehen: Werner Herzog´s gleichnamiger Spielfilm erzählt die Geschichte mit Klaus Kinski in der Hauptrolle ziemlich eindringlich.

Was viel weniger bekannt ist: bereits seit 1925 thront ein stattliches Kriegsschiff, die „PUGLIA“ auf einem der Hügel des Parks, den der umtriebige Gabrielle d´Annunzio zwischen 1921 und 1938 immer wieder erweitern und umbauen ließ. Den gepanzerten Kreuzer hatte d´Annunzio 1923 von der italienischen Marine geschenkt bekommen: auf 20 Eisenbahnwagons verteilt kam der zerteilte Koloss in Gardone Riviera am Gardasee an und nur mit viel Phantasie ist es vorstellbar, wie es sich damals zugetragen haben muß, dass ein solches Monstrum auf den Hügel kommt.

Den gesamten Park mit einer Fläche von guten neun Hektar vermachte der italienische Dichter, Phantast, Frauenheld und Abenteurer urkundlich bereits vor seinem Tode im Jahre 1938 dem italienischen Volk: das Vittoriale zählt heute mit 200.000 Besuchern jährlich zu den meist besuchten Museen ganz Italiens.

Man kann sich dem ungeheuren Nimbus dieses außergewöhnlichen Ortes nur mit großer Mühe entziehen – ist es doch ein Platz, an dem ein ganz besonderer Geist herrscht! Für heutige Verhältnisse sind die Geisteshaltung und die Wertigkeiten, unter denen diese eigenwillige Gedenkstätte entstanden ist, schwer nachvollziehbar. Nationale Verhaftung, gepaart mit Heldentum und Freigeist, mit einem gerüttelten Maß an Poesie und Individualität, und darüber hinaus ein ausgeprägter Hang für Devotionalien des Krieges ließen über die Dekaden einen beispiellosen Ort entstehen. André Heller´s “Garten der Phantasie“ – so sehenswert auch dieser ist - mutet dagegen wie ein alternativer Kinderspielplatz an. Dass ein einziger Mann in den Wirren des ersten Weltkrieges sich freiwillig zu halsbrecherischen Taten aufschwang, dabei ein Auge verlor und am Ende vor Lauter Ehre und Geschenken der Marine und der Luftwaffe (ein von d´Annunzio gesteuerter Doppeldecker hängt im Original im hauseigenen Kinosaal unter der entsprechend hohen Decke!) kaum wusste wohin damit, das ist sicherlich beispiellos und anerkennenswert. Da staunt selbst der eifrigste Pazifist und der beherzte Soldat muss am hauseigenen Mausoleum salutieren…

Fazit: alles kriegsverherrlichende Brimborium ist in unseren Zeiten natürlich höchst verachtenswert – aber einen Ort, an dem um gepanzerte Kreuzer Zypressen wuchern, ist in jedem Falle einen Besuch wert! Weitere Info´s unter www.vittoriale.it


<< zurück | 21.02.2011 - 21:02 - © by Manuel Gollek
© 2017 by DER MICHEL | info@der-michel.de | Das etwas andere Männermagazin