Er ist wieder da!

[Buch]

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(mg) Wie erfrischend, endlich einmal wieder ein Buch zu lesen, das gleichermaßen provokant, intelligent, witzig und hintersinnig die deutsche Volksseele aufmischt! Kaum erschienen, gab es bereits die ersten Besprechungen, die dann auch gleich die Sendeanstalten auf den Plan riefen, um das Thema durch die „Will´s“, die „Maischberger´s“ und die „Blassberg´s“ auf political correctness hin zu überprüfen; die bekannten Nasen aus dem Talkgeschäft wurden eifrig eingeladen, hurtig mit zu-talken… Mit dem Ergebnis, dass die stets so hochgehaltene Demokratische Grundordnung und die Freiheit des Einzelnen zwar theoretisch zu achten sei, man aber hier es doch mit etwas GANZ ANDEREM zu tun habe, dem man ja kaum so ungehindert Freiraum einräumen könne – oder doch?

Möchte man das Treiben der Brüsseler Abgeordneten der letzten zehn, fünfzehn Jahre subsummieren, so kann man sich dem Eindruck einer regelrechten Reglementierungswut nicht entziehen: bis hin zur Krümmung der Salatgurke und des Dirndl Ausschnittes wird alles unter die Lupe genommen, was es überhaupt nur zu verordnen gibt. Der europäische Steuerzahler stimmt dem offenbar kommentarlos zu und wählt erneut. Unsummen werden für größenwahnsinnige Bauvorhaben ausgegeben, die – vorgeschobenen – Wirtschaftsinteressen dienen sollen, doch auch hier beschleicht einen allzu schnell die Frage: wie weit sind wir eigentlich von den Propaganda Bauten der Nazis entfernt? Was hat das nun mit dem Erstling des 1967 geborenen Timor Vermes zu tun?

Vermes hält dem Leser den Spiegel vor und stellt zwischen den Zeilen die Frage, ob das Phänomen Drittes Reich eigentlich wiederholbar ist. Nur ein Dummkopf kann den Standpunkt vertreten, dass dies heute undenkbar sei, denn der Bösewicht aus Braunau mit dem unverkennbaren Seitenscheitel samt Schnurrbart wird wohl nie mehr über die politischen Bühnen der Welt schreiten – mag sein, denn der Teufel und der liebe Gott scheißen selten auf denselben Haufen! All denen, die da allzu laut rufen „Nie wieder!“ darf man gerne das Maul stopfen: zum Beispiel hält Deutschland in der Weltrangliste für Waffenexporte die Bronze Medaille in Händen; zum Beispiel ist man nur in Deutschland und Österreich immer noch dazu verpflichtet, Kirchensteuer zu bezahlen – obwohl wir ach so gründlich „entnazifiziert“ wurden! Und zum Beispiel zieht Deutschland wieder flott in den Krieg (Kosovo, Afghanistan) und alle machen mit. Aber auch ganz alltägliche Gepflogenheiten werden von unseren freiheitlich-demokratischen Repräsentanten in unserer Super-Sauber-Mann-Regierung ganz tolerant und mitmenschlich geregelt: das Rauchen ist ein Beispiel, die „Homo-Ehe“ und deren Gleichstellung ein weiteres, ein drittes die Gleichberechtigung der Frau… Man könnte natürlich auch noch den Umgang mit Alten, Rentnern, Kindern und Müttern erwähnen oder den Zustand unserer „Leeranstalten“ – das würde allerdings den Rahmen sprengen…

Wir sind 68 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges so derart selbstbeweihräuchernd, dass man uns Deutsche bereits wieder zu hassen beginnt: in Griechenland, in Spanien, in Italien. In unserer Reglementierungswut zeigen wir damit ganz unmissverständlich, dass wir irgendwo, ganz tief im Inneren wohl doch (noch? wieder??) eine Sehnsucht nach einem Führer haben.

Und mit genau dieser, deutschen Wirklichkeit konfrontiert Vermes seinen Leser: satirisch und unterhaltsam vermag der Autor eine eklige Kröte der Erkenntnis zu verpacken: wir sind ein dummes Volk, das sich liebend gerne zu Tode amüsiert. Die demokratische Freiheit halten wir nur sehr schwer aus, noch weniger sind wir – als Volk – in der Lage, mit diesem kostbaren Gut verantwortlich und nachhaltig umzugehen. Im Grunde sind wir – geschichtlich – keinen Schritt weiter gekommen, mutiert von einem seufzenden „Der da oben!“ zu einem misantrophischen „Die da oben!“.


<< zurück | 04.02.2009 - 21:02 - © by Robert Zimmermann
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